SCHÖNHEIT DER VERGÄNGLICHKEIT #2_KriegsBlicke

Berührend, wenn das Trio in einer tänzerischen Sequenz an Truffauts Film „Jules und Jim“ erinnert, diese deutsch-französische Vorkriegs-Menage-à-troi.

Choises // HANS-CHRISTOPH ZIMMERMANN // 25.06.13

Pathos und Attacke

„Schönheit der Vergänglichkeit“ nennt die Gruppe raum13 ihre kleine historische Reihe, in der die Geschichte des Konzerns Klöckner Humboldt Deutz mit der Gegenwart verkoppelt wird. In dem Titel steckt nicht nur die Beschwörung des Verschwindens als ästhetischer Vorgang, sondern auch ein Ruinenbewusstsein, das aus den Trümmern die katastrophischen Zeitläufte lesbar machen möchte. Die Trümmer sind in dem Fall wörtlich zu verstehen: Das frühere KHD-Konzerngebäude, heute zum „Zentralwerk der Schönen Künste“ umbenannt, soll Folie und Gegenstand der historischen Wünschelrutengängerei sein. 

Das ändert sich nun offenbar mit dem zweiten Teil „KriegsBlicke“. Im Zentrum der Stückentwicklung von Regisseurin Anja Kolacek und Ausstatter Marc Leßle steht der 1. Weltkrieg und seine mentalen Bedingungen: In einer abgerockten langgezogenen Halle steht eine Frau am Mikro und brüllt Texte über einen Soundtrack von FM Einheit. Zwei Männer in Stiefeln, die Oberkörper nackt, machen Liegestütze und Boxbewegungen. Man schnappt sich Zuschlaghammer, Feile und Flex, produziert Industrial Noise. Sätze von Jünger, Remarque, Heym etc. schwirren durch den Raum.  Es werden Fahnen geschwungen, ein Staatsmann hält eine Rede in Fantasiesprache. Berührend, wenn das Trio in einer tänzerischen Sequenz an Truffauts Film „Jules und Jim“ erinnert, diese deutsch-französische Vorkriegs-Menage-à-troi.  

Es sind einfache, durchaus überzeugende Bilder mit großem Hang zu körperlicher Unmittelbarkeit, verbaler Attacke und Pathos, die die Atmosphäre von 1913 heraufbeschwören sollen. Und denen als Etikett Begriffe wie Industrialisierung, Langeweile, Nationalstolz, politische Verführung, Aktionismus, Körperkult anhängen.

So stimmig das ist, es geht nicht über bereits bekannte Topoi zum 1. Weltkrieg hinaus, denn eine Fokussierung auf die Geschichte des KHD-Gebäudes oder aufs Individuelle bleibt aus. Und der kritische Brückenschlag in die Gegenwart, die ebenfalls als eine Art Vorkriegssituation gedeutet wird, kommt über die Behauptung kaum hinaus. Ein paar Bemerkungen von Afghanistan-Kämpfern sollen das beglaubigen. Doch fehlt dann eine genauere Auslotung der gegenwärtigen Verhältnisse. So bleibt es bei einem kritischen, eher allgemeingültigen (Vor-)Kriegsbilderreigen.

„Schönheit der Vergänglichkeit: #2_KriegsBlicke“ von raum13 Theaterfraktion | R: Anja Kolacek | Zentralwerk der Schönen Künste | 29.6./6./12.7. 20 Uhr | www.raum13.com

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