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Wo die Deutz AG einst mit dem Ottomotor Geschichte schrieb, entfaltet sich heute das Deutzer Zentralwerk der Schönen Künste. Anja Kolcek und Marc Leßle, das Team von raum13, nutzen seit 2011 das, was Klöckner-Humboldt-Deutz in ihrer einstigen Hauptverwaltung zurückließ, als Kulisse und Inspirationsquelle. Drei Etagen arbeiteten sie zur Spielstätte für Theater und Kunst auf. Das Besondere: Neben dem Innenhof mit industriellem Charakter, bietet der Backsteinbau der Vorstandsetage bis zum klassisch hergerichteten Theater ganz unterschiedliche Atmosphären. Seit 2015 ist „Das Land Utopia“ Thema von raum13, das diesen Sommer die Künstler Andrew Kikulwe, Jessy Sserwadda, Ruth und Mike Sembiro und Maria Ntale aus Uganda nach Köln führt. Ntale ist Lehrerin und Sozialarbeiterin, denn in Uganda reicht Künstler allein als Beruf nicht aus. „Kunst ist immer mit sozialen Projekten verbunden“, sagt Ntale. Dass die europäische Szene ganz anders funktioniert, hat sie in der Kölner Oper feststellen müssen: „Wo sind die jungen Leute?“. Ein kurzes Augenschließen, „um die Musik mehr zu fühlen“, sei umgehend mit strafenden Blicken bedacht worden. Das habe wohl wie ein Nickerchen ausgesehen. Den Kulturschock Oper haben dann „die bunteren Festspiele“ in Bayreuth auffangen können.: „Diesmal gab es keinen Schlaf!“. Aber: Ein bisschen Tanz, ein wenig Rhythmus würde hier im Vergleich zu den Theatern ihrer Heimat fehlen.

Weitere Auskünfte geben die Ugander in der Sommerwerkstatt „Ich bin Ihr“ von Freitag bis Sonntag ab 16 Uhr in der Deutz-Mülheimer Straße 147-149. Den Höhepunkt bildet die Werkschau „Peace Mural“ am Samstag um 19.30 Uhr.






Im Licht der untergehenden Sonne auf dem Dach des ehemaligen Verwaltungsgebäudes der KHD Motorenwerke steht eine kleine Gruppe Menschen, bunt zusammengewürfelt. Einige wandern zu zweit oder allein herum. Manche machen Fotos mit dem Handy. Einige stehen beieinander und unterhalten sich über das Haus und dessen Nutzung als Ort für Kunst. Von außen betrachtet würde niemand auf den Gedanken kommen, dass es sich um ein Theaterstück handelt.

Es geht um die Geschichte der Gruppe raum13. Damit eng verknüpft auch die des Orts des Deutzer Zentralwerks der Schönen Künste, wo das 2011 von Anja Kolacek und Marc Leßle ins Leben gerufene Projekt beheimatet ist. Im Verlauf ihrer Arbeit haben sie sich immer weiter von ihren Ursprüngen im Theater entfernt und Elemente des Tanzes und der bildenden Künste aufgenommen. In dieser Tradition steht nun auch „Die Bilder hinter den Bildern“.

Das Stück, wenn man es überhaupt so nennen kann, spielt mit dem Material, das sich über die Jahre angesammelt hat. Dabei werden Promo-Fotos und einzelne Szenen alter Inszenierungen genauso benutzt wie Aktenordner mit Gehaltsabrechnungen und Adresslisten. Eine wichtige Rolle als Bühne spielt dazu das Gebäude als eine Art Museum.

Die Gruppe der Darsteller, allen voran Kolacek und Leßle selbst, führt das Publikum durch das Sammelsurium und spielt Kuratoren, die dieses Künstlerleben präsentieren. Dabei gibt es ganz Unterschiedliches zu entdecken. Mal ein Netz aus Kabeln, das sich durch den ganzen Raum spannt und an dem Fotos hängen, mal nüchterne Aktenstapel, akkurat beschriftet.

Die Zuschauer dürfen selbst Hand anlegen und zum Beispiel in den Akten die Abrechnungen lesen. Beendet wird das Stück mit einem Blick hinter die Kulissen: Bei der Exkursion durch das Gebäude werden auch unerschlossene, sonst nicht zugängliche Teile gezeigt.

Der Wille zur völligen Transparenz macht die Stärke des Abends aus, die letzten Endes alle Schwächen aufwiegt. Dass sich Künstler derart tief in die Karten blicken lassen ist selten. In der Ankündigung ist die Rede von einer „Selbstdekonstruktion“ von raum13, was absolut nachvollziehbar ist. Dadurch geschaffene Lücken im normalerweise geschlossenen Gesamtbild eines Theaterstücks lässt die Inszenierung bewusst offen. Hier ist jedem Besucher selbst überlassen, wie er die einzelnen Teile werten will. Die Korrespondenz mit dem Bauamt der Stadt bleibt dabei genauso unkommentiert wie zerstörte Fensterscheiben in weiten Teilen des Gebäudes.

Zwei Stunden. Wieder am 15.7, 20 Uhr, Deutz-Mülheimer Str. 147-149, Karten-Tel.: 0221 / 42 32 185

 






Neues Veedel für Mülheim Künstler wünschen sich Vielfalt im ehemaligen Industrieareal

Der Blick vom Dach macht deutlich, mit welchem Koloss man es zu tun hat und in welch einem weitläufigen Areal er sich befindet.

Die Künstler Anja Kolacek und Marc Leßle sind auf den gewaltigen Backsteinbau an der Deutz-Mülheimer Straße geklettert, der einst die Hauptverwaltung von Klöckner-Humboldt-Deutz beheimatete und jetzt Spielfläche für ihr Kunstprojekt „Raum 13“ ist.

Bauarbeiten haben begonnen

Drumherum wird geplant. Erste Bauarbeiten haben begonnen, auch der Backsteinkoloss wird irgendwann Teil eines neuen großen Stadtviertels, das zu einem Kölner Vorzeigeprojekt werden soll.

Leßles und Kolceks Kunst hat sich immer auch als Diskussionsbeitrag zur Stadtentwicklungspolitik verstanden. Jetzt werben sie dafür, dass die Stadt ihr Ziel ernst nehmen soll, urbane, bunte und sozial gemischte Quartiere fördern zu wollen.

Im ehemaligen Eingangsfoyer hat ein Mitstreiter der beiden ein Lego-Modell des riesigen Gebäudes zusammengebaut. Bunte Steine sollen deutlich machen, wie viel Fläche des Kolosses trotz der umfänglichen Aktivitäten der Künstler unbenutzt ist: Verlassene Büros, in denen Kabeldiebe und andere Einbrecher ihre Spuren hinterlassen haben, unzugängliche Hallen und dunkle, mit Glasscherben bedeckte Flure – Tausende Quadratmeter, mit denen sich Sinnvolles machen ließe.

Alles unter einem Dach

Die Macher des „Raum13“ im Zentralwerk der schönen Künste versuchen zur Zeit nicht nur Mitbewohner in ihrem „Land Utopia“ zu gewinnen. Das Lego-Modell soll auch deutlich machen, wie sich der Gebäudekomplex als Ganzes in die städtebauliche Entwicklung des Areals integrieren ließe. Nicht nur Kunst und Kultur könnten hier einziehen, auch Wohnungen und Büros könnte man in dem Haus entstehen lassen. Alles unter einem Dach.

Nord-östlich der Zoobrücke, links und rechts der Deutz-Mülheimer Straße, planen Stadt, Architekten und Investoren den Umbau eines riesigen, zentral gelegenen ehemaligen Industrieareals. Tausende Wohnungen sollen entstehen, dazu Kultur und buntes Leben, Gewerbeansiedlungen, Schulen und Kitas. Das historische Erbe der Industriekultur soll erhalten bleiben.

Das klingt gut, finden auch die Künstler im „Raum 13“. Doch sie haben Zweifel, ob es den Planern und Investoren tatsächlich gelingt, alte Muster zu durchbrechen. Hier ein Ort für Wohnungen, dort ein Haus für Büros, dazwischen ein Theater als Angebot zur Abendgestaltung – „es ist offensichtlich schwer, aus dem Schubladendenken rauszukommen“, sagt Marc Leßle.

Wohnraum möglichst vielfältig nutzen

Der Gegenentwurf: Alles, oder zumindest vieles, sollte sich überall mischen und vermengen. So wie auf den drei Etagen des KHD-Verwaltungsgebäudes verschiedene Nutzungen zusammen kommen können, könnte sich doch das gesamte Viertel entwickeln.

Investor Gottfried Eggerbauer, der Eigentümer des mächtigen Riegels, den die Künstler als, wie es heißt, „Zwischennutzer“ bespielen und immer wieder neu verwandeln, hat noch nicht vorgestellt, was er mit seinem Besitz machen möchte.

Wie es heißt, bemüht er sich zusammen mit Fritz Hamacher, der den nördlichen Teil des Areals mit Lindgens-Kantine und Boule-Halle entwickelt, um die Grundstücke hinter dem ehemaligen KHD-Verwaltungstrakt. Leßle und Kolacek hoffen, dass innovative Mischkonzepte entstehen.

Wenn sie von „interdisziplinären Zwischenräumen“ oder von einem „ganzen Viertel als Kunst- und Freiraum“ sprechen, benutzen sie nicht unbedingt die gleiche Sprache wie ein Bauunternehmer.

Verständigungsprobleme sind nichts Neues

Doch Verständigungsprobleme sind die beiden gewohnt, weil ihnen das übliche, oft fantasielose Schubladendenken auch bei der städtischen Kulturbürokratie begegnet, wenn es um das Verteilen knapper Zuschüsse für die freie Szene geht.

Im Grunde geht es in Mülheim darum, ein weiteres Viertel vor allem für Gutverdiener zu verhindern, in dem Sozialwohnungen nur Pflicht-Feigenblatt für Investoren und die historische Zeugnisse einer der Industriegeschichte nur noch Verzierung fürs schicke Ambiente sind.

Überall in der Stadt wird über die Folgen der Gentrifizierung und Aufwertung eines Viertel geklagt, wenn das Alte vom Neuen verdrängt wird. „Hier können wir der Gentrifizierung mal die Chance lassen, etwas zu erhalten“, so Leßle. „Wer will schon in einer Monokultur wohnen und arbeiten?“

Quelle: http://www.ksta.de/27848976 ©2017






Bislang ist die "Polis" (altgriechisch für "Stadt" und "Staat") nur ein Rohbau. Aber schon bald wollen Anja Kolacek und Marc Leßle, Künstler und Mieter der riesigen, rund 30 000 Quadratmeter großen ehemaligen KHD -  Zentralverwaltung in Mülheim, mit dem Projekt raus in die Stadtteile und aufs Land. Ein mobiler geschützter Raum in Form eines Trichters soll zum Ort fürs Nachdenken über gesellschaftliche Zukunftsfragen werden. Aus Gesprächen mit Passanten und Interessierten werden Antworten, aus denen möglicherweise neue Kunst entsteht. Die mobile "Polis" ist eine der neuen Ideen des Künstlerpaars. "Das Haus bleibt ein großer Teil von uns, aber wir müssen auch wieder mal raus", sagt Leßle nach fünf Jahren im geschichtsträchtigen Backsteinbau an der Deutz-Mülheimer Straße 147-149, aus dem ein begehbares Gesamtkunstwerk geworden ist. Das Haus im ehemaligen Industrieareal das seit dem Einzug der beiden als "Raum 13" firmiert, hat ihnen viel abverlangt. Kolacek und Leßle und ihr Team haben einiges geschafft, manches erreicht- in jedem Fall viele schwer beeindruckt. Zum fünften Geburtstag präsentieren sie neue Installationen in den verlassenen Büros und Konferenzzimmern des Kölner Traditionsunternehmens.

Jeder ist eingeladen an diesem Samstag ab 18 Uhr bei freiem Eintritt, Bier und Würstchen das Geburtstagsfest mitzufeiern.

Zum Rückblick der vergangenen fünf Jahre gehört auch der andauernde, mühsame Kampf um jeden Euro Zuschuss. Die Grundidee, verschiedene Darstellungsformen wie bildende Kunst, Theater und Tanz jenseits einer festen Bühne in neuen Räumen und Zusammenhängen zu verbinden, scheitert zur Zeit am Geld. "Wir können keine Honorare für die Darsteller bezahlen", sagt Kolacek.

Ein Projekt wie der "raum13", der nicht nur Kunst und Kultur der Stadt bereichert, sondern auch einen sinnlichen Beitrag zur Debatte um die beste Stadtentwicklungspolitik leistet, braucht eine sichere Finanzierung. Ähnlich spanned dürfte die Umsetzung eines weiteren Projekts werden, wenn die Finanzierung gesichert ist. Auch hier kann man die "Skizze"schon besichtigen: In einer alten Fabrikhalle wachsen Hecken um eine Sitzgelegenheit, gepflanzt auf Holzpaletten "Erda" nennen die beiden den kleinen Garten, der genau wie die "Polis" raus aus dem Haus soll. Die mobile Grünanlage soll an Orte, wo man sie nicht erwartet – ins Parkhaus, in U-Bahn Stationen oder ein Büro.

Auch in der alten KHD Zentrale weitet sich der Blick, in dem die Kunst im Bau mit Impressionen aus Orten in Afrika, Amerika oder Asien in Verbindung gebracht wird. Im nächsten Jahr sollen Künstler aus aller Welt zu einer internationalen Werkstatt nach Mülheim kommen, deren Ergebnisse dann in einer Werkschau präsentiert werden.






2011 gingen Anja Kolacek und Marc LeßIe mit viel Optimismus daran, dem riesigen Gebäudekomplex der ehemaligen KHD AG an der Deutz - Mülheimer - Straße neues Lebeneinzuhauchen. Ich habe damals gesagt: Wir fangen mal an und gucken dann mal," erinnert sich Kolacek. Ziel der beiden Künstler war es, einen historischen Ort besuchbar zu machen, ihn wieder in den Stadtraum und ins Bewusstsein zu integrieren. Nun feiert das "Baby", das auf den etwas sperrigen Namen "raum13 Deutzer Zentralwerk der Schönen Künste" hört, fünften Geburtstag. Der wird morgen Abend ab 18 Uhr gefeiert, mit der Eröffnung einer neuen Ausstellung, die die Arbeit der vergangenen Jahre dokumentiert und mit neuen Installationen, die einen Ausblick auf kommende Projekte bieten. Auch eine Führung durch die einstige Motorenfabrik wird es geben und im Hof werden Würstchen und Bier aufgetischt. Inzwischen sind 8000 Quadratmeter des Geländes erschlossen und bespielbar. "Wir haben total viel erreicht", sagt Kolacek, "mehr hätte es nicht sein können, mehr hätten wir nicht geschafft, mit den Möglichkeiten, die da sind." Und Leßle ergänzt: "Wir haben als Theatermacher begonnen - als erstes haben wir hier zwei Bühnen gebaut - und später wurde daraus ein Gesamtkunstwerk."

Beide luden Künstler verschiedener Bereiche ein, mit ihnen zu arbeiten: "Anfangs zog das eher ein Publikum an, das in Sparten dachte." Inzwischen ist die Neugier der Menschen aus Deutz und Mülheim generell geweckt worden. Künftig wollen Kolacek und Leßle verstärkt den weiteren Stadtraum einbeziehen. Etwa mit den Projekten "Polis" und "Erda", die mobil sein sollen. Während "Polis" mit einer Installation' dem städtischen Zusammenleben philosophisch auf die Spur kommen will, soll "Erda" in Gestalt eines parkähnlichen Gebildes "das Grün an Orte bringen, wo keins erlebbar ist" (LeßIe).

Seit drei Monaten praktizieren weiß gekleidete Spaziergänger das Projekt "Entschleunigung" -sie bewegen sich extrem langsam durch die Stadt und ziehen damit Blicke auf sich. Soundinstallationen tragen Erinnerungen an Früheres ("Was bedeutet für Sie Freiheit?") nachdraußen, Moos steht für die "Schönheit des Vergänglichen", Fotos zeigen Stadtansichtenoder Menschen aus aller Welt, die 2017 zu einem Künstlerfestival in Deutz zusammenkommen sollen. Per Videofilm kommen ehemalige KHD-Mitarbeiter zu Wort. Gestern, heute und morgen treffen sich so in der alten Fabrik.

Neben Künstlern befruchten derzeit verstärkt Stadtplaner und Architekten den raum13- Kosmos. Was sich dereinst nur mit Projektgeldern finanzierte, hat zudem Aussicht auf städtische Förderung. "Die Stadt will, weiß aber nicht wie, das geht seit einem Jahr so", formuliert Leßle vorsichtig. Aber: "Wir haben das Gefühl, da bewegt sich was."






Wo einst die Zentrale eines Weltkonzerns arbeitete, auf dem ehemaligen KHD-Gelände in Mülheim, inszenieren Anja Kolacek und Marc Leßle ihre Kunst – eine Blaupause für die Zwischennutzung verlassener Industrie- und Verwaltungsgebäude, die auf neue Perspektiven warten. Die Künstler leisten einen Beitrag zur Stadtentwicklung, aber die Stadt weiß noch nicht so recht, wie sie das würdigen soll.

Kleines Ladenlokal in der Innenstadt gesucht, kolossalen Backsteinbau mit rund 30 000 Quadratmetern gefunden – so beginnt die Geschichte von Anja Kolacek und Marc Leßle in der verlassenen Hauptverwaltung von Klöckner-Humboldt-Deutz. Die Tänzerin und der Bühnen- und Lichtgestalter waren dabei, in einer Halle an der Mülheimer Schanzenstraße ihre Zelte abzubrechen, wo sie das Interim des Tanzhauses Köln organisiert hatten, als ihnen der Eigentümer eine neue Bleibe anbot. Ein Ladenlokal habe er nicht, wohl aber die verlassene KHD-Zentrale. „Ich kannte die Gegend garnicht“, erinnert sich Leßle an den Moment, als er erstmals vor dem riesigen Gebäude an der Deutz- Mülheimer-Straße stand. „Fasziniert“ seien sie gewesen von diesem historischen Ort für ihr Kunstprojekt „Raum 13“. Man habe gespürt, wie viel Leben in dem Kasten mal gewesen war. Gleichzeitig sei der erste Ortstermin aber auch ein Schock gewesen: Das Haus war voller Müll, Schrott und Zerstörung, dazu überall der Inhalt geleerter Feuerlöscher. „Da wussten wir, das wird ganz viel Arbeit.“ Nach kurzer Bedenkzeit und unkomplizierten Verhandlungen mit dem Eigentümer des dreistöckigen Komplexes vor verfallenen Produktionshallen zogen sie im März 2011 ein. Nur drei Monate später öffneten die Künstler erstmals die Türen ihres „begehbaren Kunstobjekts“ für Publikum: „Tretet ein, denn auch hier sind Götter“, hieß es vielsagend in Anlehnung an Lessings Klassiker „Nathan, der Weise“. Tatsächlich wohnten hier neben den Göttern auch Obdachlose und heroinspritzende Junkies. Jugendliche feierten wilde Partys im „rotten place“. Und ab und zu kamen organisierte Kupferdiebe vorbei. „Am Anfang haben wir mit Schlagstöcken auf Matratzen gelegen, um unsere Sachen zu bewachen“, erinnert sich Anja Kolacek an die Wochen, bevor sie alle Zu - und Ausgänge des Komplexes einigermaßen gesichert hatten. Über 30 Uraufführungen und Premieren, sowie zahlreiche Kunst-Aktionen später, ist das Gebäude auch nach fünf Jahren immer wieder für unangenehme Überraschungen gut. „Immer, wenn man die Tür aufschließt, kann sich etwas verändert haben“, so Leßle. Konzeptionell lässt sich das durchaus mit der Idee von „Raum 13“ verbinden. Die Kunst sei schließlich ein anhaltender Prozess von Veränderungen. Praktisch kann das aber auch zur „nervigen Dauerbelastung“ werden, wenn wieder einmal Scheiben eingeschmissen oder Dinge zerstört wurden. „Es gab Phasen, da hatten wir keinen Bock mehr.“ Es ist nicht einfach zu beschreiben, was die beiden 47-Jährigen in ihrem „Zentralwerk der Schönen Künste“ machen. Man muss es sich anschauen.

Als Künstler haben sie sich jedem Schubladendenken entzogen: Installationen, Theater, Tanz, Fotografie, Film, Musik – alles verbindet sich sowohl miteinander wie auch mit den vielen ehemaligen Büro- und Konferenzräumen, in denen der Großbetrieb KHD einst das Personal verwaltete und weltweit Geschäfte organisierte. Man kann sich selten sicher sein, ob man Umgestaltetes, Verfremdetes, Rekonstruiertes, völlig Neues oder Übriggebliebenes in den Räumen sieht. Doch auch jenseits von Kunst und Raum verschwimmen die Grenzen: Leßle und Kolacek leisten einen inspirierenden Diskussionsbeitrag zur Stadtentwicklung und Stadtplanung. Durch die Aufwertung und Belebung des Areals helfen sie dem Eigentümer und Investor, der Sicherheitspersonal und Hausmeister spart. Sie unterstützen aber auch die Stadt bei ihrer Wirtschaftsförderung. Mit ihren Inszenierungen, Führungen und Diskussionsanregungen sucht das Paar nicht nur nach dem „Land Utopia“, wie das aktuelle Projekt überschrieben ist. Sie holen auch ein Stück Stadt- und Industriegeschichte ins Bewusstsein der Kölner zurück. Viele haben vergessen, dass hier unter anderem der Ottomotor entwickelt wurde und Deutzer wie Mülheimer Erfindungen die Welt verändert haben.

Wenn man heute durch die Räume geht, ist diese Vergangenheit überall spürbar – die großen Jahre der pulsierenden Industriebetriebe, aber auch die Zeit, in der sie zusammenschrumpften und teilweise ganz untergingen. Gegenüber vom ehemaligen Verwaltungssitz produziert in einigen Hallen noch die KHD Nachfolgerin Deutz AG. In Kürze wird auch dieses Areal frei. Zwischen Zoobrücke und den Neubauwohnungen am Rheinufer vor der Mülheimer Brücke soll ein ganz neues Stadtviertel mit rund 3000 Wohnungen entstehen; dazu Gewerbeansiedlungen, neue Straßen und Plätze, Schulen und Kindergärten. Zur Zielsetzung gehört auch, das historische Erbe zu erhalten und für die vielen imposanten Gebäude neue Nutzungen zu finden. Was Investor Gottfried Eggerbauer mit dem Verwaltungsgebäude, das er gekauft hat, anfangen will, verrät er noch nicht. Für die beiden derzeitigen Nutzer seines Hauses steht aber fest, dass sie irgendwann weiterziehen werden.

„Es wäre schön, wenn sich auf dem Riesengelände irgendwo ein Denk-, Erinnerungs- und Kunstraum entwickeln würde“, sagt Leßle. „Aber das müssen nicht wir machen.“ Mit ihrer Kunst wollen sie „Transformationsprozesse“ begleiten. Es werde immer wieder Gebäude und Areale geben, die man für solch eine „Zwischennutzung“ zeitweise umwidmen kann. Das, was sie in Mülheim tun, sei „eine Blaupause“ für viele andere mögliche Projekte. Der Begriff „Zwischennutzung“ ist seit einigen Jahren Thema vieler Kongresse und Diskussionen. Kulturschaffende, Kreativwirtschaft, aber auch soziale Initiativen nutzen alte Gebäude, bevor diese für neue Zwecke umgebaut werden. Dabei geht es vor allem um verlassene Industriearchitektur, aber auch um Kaufhäuser, Bürokomplexe oder Ladenlokal-Zeilen. „Das ist ein Riesenthema, doch in Köln ist es noch nicht richtig angekommen“, so Anja Kolacek. Schlimmer noch: Weil ihr

Projekt schlecht in den bürokratischen, internen Abgrenzungen einer Verwaltung einzuordnen ist, fehlt dem „Raum 13“ in Köln offenbar ein Ansprechpartner, der Spaß an Gestaltung, Verantwortung und Risiko hat. Hilflos haben Stadt und Politik Leßle und Kolacek einem Fördertopf für die freie Theaterszene zugeordnet, obwohl ihr Projekt wenig mit klassischem Theater auf festen Bühnen zu tun hat. „Man muss sich dauernd erklären, rennt immer wieder gegen statische Gebilde an“, sagt Leßle. Immerhin hat es das Thema „Zwischennutzung“ in den Bündnisvertrag von CDU und Grünen im Stadtrat geschafft. Ob dem Papier Taten folgen, ist offen.

Begehbares Kunstwerk

„Raum13 – Deutzer Zentralwerk der der Schönen Künste“, Deutz-Mülheimer Straße 147-149






„Die Kunst der Revolution“ prangt als Schriftzug in riesigen Buchstaben über dem Innenhof des ehemaligen Verwaltungsgebäudes von Klöckner-Humboldt-Deutz. Was auf dem gewaltigen, brachliegenden Industriekomplex auf der Grenze zwischen Mülheim und Deutz stattfindet, gleicht tatsächlich einer Revolution: Weniger in der Deutung eines radikalen Umbruchs als vielmehr in Form einer Transformation – angestoßen durch Leerstand und Verfall. Wo bis zum Niedergang des zuvor weltweit tätigen Unternehmens Lieferfahrzeuge Laderampe und Schmiede anfuhren, plätschert Wasser von der Decke in einen kleinen künstlichen See. Dazu tönen knarzende Beats aus Lautsprechern, die irgendwo im Zwielicht der riesigen Halle installiert worden sind. Über allem liegt der schwere Geruch nach Öl, die Atmosphäre hat etwas Beklemmendes – es ist schwer zu erahnen, wie dieser Ort vor noch nicht allzu langer Zeit von Maschinenlärm und menschlicher Betriebsamkeit geprägt gewesen ist.

Anja Kolacek und Marc Leßle bieten Führungen durch das „Zentralwerk der Schönen Künste“ an. Das Paar erläutert den Entstehungsprozess ihres Projekts „Raum 13“. Vor allem geht es ihnen während des Rundgangs aber darum, die Ausstrahlung des geschichtsträchtigen Ortes und die dort installierte Kunst wirken zu lassen. Matratzen im Kellergeschoss „Wir wollen hier den Wandel und die Veränderung veranschaulichen und dokumentieren“, sagt Kolacek. Dazu gehört auch die Natur, die überall zu versuchen scheint, das Bauwerk in Besitz zu nehmen. Ein alter Mercedes-Kombi und ein kleiner Zeppelin stehen für die Entwicklungsstufen des technischen Fortschritts, der den Deutzer Motoren-Produzenten lange ihren Erfolg bescherte. „Das alles hier ist in dem festen Glauben entstanden, dass es für die Ewigkeit errichtet wird“, so Kolacek. „Niemand hat sich vorstellen können, dass hier alles den Bach runtergeht – weder die Verantwortlichen noch die Arbeiter.“

Das riesige Verwaltungsgebäude ist auch Kulisse, um über gesellschaftlichen Wandel nachzudenken. In den langgestreckten Kellerräumen mit niedrigen Decken im Untergeschoss des Haupthauses zwischen ehemaligen, von Metalldieben zerstörten Rohren und Leitungen sowie den ehemaligen Gruppenduschräumen liegt eine Reihe Bettmatratzen mit Decken und Kissen. „So wie die häufig eingewanderten Arbeiter hier mit lagerähnlichen Zuständen zurechtkommen mussten, drängte sich uns der Vergleich zu Flüchtlingsunterkünften auf, in denen heute zahlreiche Menschen in Notihr Dasein fristen“, so Leßle. Bildende Kunst mit Personalakten Auch vornehmere Bereiche sind Teil des Rundgangs. In der Vorstandsetage im Obergeschoss stehen noch massive Holzsessel an meterlangen Konferenztischen – den Teppichboden haben Leßle und Kolacek mühsam gesäubert, die Spuren der Zerstörung beseitigt. Bilder von ausgelassenen, jungen Karrieremeschen in Maßanzügen haben die beiden in den ausladenden Vorstandszimmern aufgestellt – ein Hauch von Dekadenz weht durch den langen Flur. In einem Büro haben die Künstler vergessene Aktenberge zu einem erschreckenden Kunstobjekt arrangiert. Mit dem Datenschutz haben es die KHD-Verantwortlichen bei ihrem Auszug aus der alten Zentrale an der Deutz-Mülheimer Straße offensichtlich nicht so genau genommen. Hier liegen Bescheinigungen über die NS-Vergangenheit von Mitarbeitern oder Zeugnisse von Lehrlingen. Andere Installationen nehmen sich dezent zurück, wirken eher unterschwellig auf den Betrachter. So sammelt man während des etwa zweistündigen Rundgangs zahlreiche, ganz unterschiedliche Impressionen. Hinterher hat man eine regelrechte Flut von Sinneseindrücken und Emotionen zu verdauen. Die Künstler beenden die Tour nicht abrupt, sie lassen jedem Zeit, sich auch allein umzusehen. Wer will, trinkt anschließend ein Glas Wein, und tauscht sich mit anderen oder den Künstlern aus über einen außerordentlich beeindruckenden Besuch an einem besonderen Ort der Kölner Industrie- und Stadtgeschichte.






In der neuen lnstallation von Raum 13 wandelt man allein über das leere Gelände.

Es gibt in Köln eine gigantische Fläche, exakt 16 Hektar Boden, die gleich am Ufer des Rheins liegt, und auf der nicht nur Stadtplaner ins Träumen geraten. Welche unglaublichen Projekte in einer Kombination aus Wohnen, Arbeiten, Kunst und Parkflächen ließen sich auf dem KHD-Gelände zwischen Deutz und Mülheim realisieren. Vor 20 Jahren haben hier noch 15000 Menschen auf jenem Flecken von dem die Motorisierung um die Welt ging und wo sowohl der Otto-Motor als auch die Schwebebahn gebaut wurde.  Lange Zeit vergessen .gerät es nun in den Fokus von Architekten und Verwaltung", erklärt Mare Leßle, der mit Anja Kolacek das Label Raum 13 bildet und schon seit fünf Jahren im von ihnen getauften .Deutzer Zentralwerk der Schönen Künste" ausharrt .

„Wir wollen am Prozess der Verwandlung teilnehmen", ergänzt Kolacek. Von ihr bekommt man am Eingang einen Schlüsselbund, eine Planskizze und ein MoblItelefon in die Hand gedrückt, für den Fall, dass man sich verirrt. Dann beginnt die Reise durch das „#O_Land Utopia". Mutterseelenallein geht man durch eine große Werkhalle, in der das Wasser im Sturzbach von der Decke klatscht. Ein roter Mercedes steht am Weg. Richtig, hier arbeitete ja auch einmal Gottlieb Daimler, bevor seine Firma mit Carl Benz gründete. Der Weg führt an Waschräumen vorbei, in den Keller, der von Schlafstellen gesäumt ist. Vegetierten hier Zwangsarbeiter- oder sind das Betten für Flüchtlinge?

Über endlos lange Büroflure geht es in den Trakt des Betriebsrats. Papiere quellen aus den Wandschränken, auf Videos erzählen Angestellte von ihrem Alltag. Tausende Menschen gingen diese Flure entlang, über Generationen, Tag für Tag. Eine unheimliche Vorstellung. Im Nebenzimmer öffnet sich eine Landschaft aus Erde und Moos. Viele Scheiben sind eingeschlagen, überall liegen Glasscherben.

Eine Stunde begeht man diesen Installations-Parcours, bis man dann zu einer Verabredung geladen wird. Durch einige in die Wände geschlagene Löcher geht es auf das Flachdach des Backsteinbaus. Mare Leßle erzählt vom neu erwachten Interesse am KHD-Komplex, von Investoren und ungebetenen Gästen, Jugendlichen, Kiffern oder Kids, die Computerspiele simulieren. .Das Gebäude lebt", erklärt er und meint die zunehmende Zerstörung der Anlage.

Mit ihren ausgeleuchteten Raumformationen, den großformatigen Fotografien von arbeitenden Menschen und Asien und Südamerika, den Videos und Klangcollagen durchwandert man eine imposante Installation. Eine schauderhaft-schöne Vorstellung von der Vergangenheit und den vielen verwehten Leben stellt sich ein. Ein Abenteuer und ein starkes Projekt, das die Vorstellungswelt seiner Besucher in Aktion versetzt und tief in die Zukunft Kölns vordringt.

 






Es gibt sie noch – die Visionäre. Die, die mitgestalten und ihre Visionen in die Tat umsetzen. Die, die Räume dem statischen Stillstand entziehen und in Bewegung halten. Sie sind in der Lage einen Ort zu schaffen, der atmet, einen Ort der Magie, des Sehens, des In-Bann-genommen-Werdens, einen Ort des Dialoges. Wer einen solchen Ort sucht, findet ihn im raum13. Dabei ist dieses Konzept keineswegs nur auf die physischen Eigenschaften eines Raumes beschränkt, sondern steht für einen experimentellen Ort, an dem Neues entsteht: Ein Raum der Entwicklung und Inspiration, ein Raum für die Gesellschaft und die Diskussion über politische und soziale Geschehnisse. Den Zuschauer erwartet eine Synthese von Schauspiel, Performance, Tanz, Musik, Architektur und bildender Kunst.

ZWISCHEN WELTUNTERNEHMEN UND KUNSTRAUM

Seit 2011 befindet sich die Basisstation des im Jahr 2007 gegründeten Kunstprojekts raum13 Kolacek&Leßle auf der Chaussee zwischen Deutz und Mülheim, auf dem Gelände der ehemaligen Klöckner-Humbold-Deutz-Werke. Der Ort, an dem vor über 150 Jahren die erste Gasmotorenfabrik der Welt entstand. Die Industrialisierung 1.0 machte es möglich. Die KHD beschäftigte zu ihren besten Zeiten 33.000 Mitarbeiter und war ein Weltunternehmen, in dem die Belegschaft jedoch gelebt hat wie in einer Familie: "Uns Firma – das war unsere Identifikation". Tummelndes Leben, Menschen verschiedenster Herkunft versammelten sich an diesem Ort und arbeiteten in Hochkonjunktur – 18 Stunden jeden Tag. Wie man so schön in Köln sagt: Es fluppte, und wenn das fluppt, dann ist das positiv. Doch all das gehört nun der Vergangenheit an. Alles Leben verließ die riesigen Fabrikhallen und Büroräume endgültig im Jahr 2005, nachdem die KHD so herbe Verluste hinnehmen musste, dass sie diesen Standort aufgab. Doch vor knapp fünf Jahren wurden Anja Kolacek und Marc Leßle auf diese fantastischen Räumlichkeiten aufmerksam und annektierten sie mit der raum13-Flagge auf dem Dach: Die Geburtsstunde des Deutzer Zentralwerks der Schönen Künste.

8000 QUADRATMETER BÜHNE

Zu diesem Zeitpunkt herrschte dort schieres Chaos. Einige Jahre hatten die 8000 Quadratmeter leer gestanden und wurden zuerst auf der Suche nach verwertbarem Material geplündert, dann kamen die Party-People und versuchten ihrerseits den Raum zu vereinnahmen, die Zerstörung setzte sich ungehindert fort. Mitten in Köln entstand ein Ort, an dem scheinbar die Zeit still stand, oder durch den immensen Verfall und die Rückeroberung der Natur über die Gebäude fast rückwärts zu laufen schien. Seitdem hat sich viel verändert: Aus einer verwüsteten Brache ohne Wasser- und Stromanschlüsse entstand eine einzigartige 8000 Quadratmeter große Bühne, die sich seither in einem ständigen Prozess der Weiterentwicklung befindet.

KUNSTARCHÄOLOGIE

Doch bedeutet dies nicht, den alten Raum in seiner Geschichtlichkeit zu übergehen. Nein, ganz im Gegenteil: Die Geschichte soll Schicht für Schicht aufgedeckt werden. Es entsteht eine Synthese aus dem, was schon vorhanden ist, und einer künstlerischen Arbeit, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, all diese Dinge aufzuarbeiten, zu begreifen, in neue Kontexte zu setzen und mit aktuellen Themen zu verknüpfen. Dies kann man beispielsweise in der aktuellen Produktion "Schönheit der Vergänglichkeit #3 - #1" erleben, in der die ZuschauerInnen durch die Räumlichkeiten der KHD-Hallen geführt werden und an verschiedenen Stationen die revolutionären, noch in den Kinderschuhen steckenden Entwürfe für ein Automobil von Carl Benz neben den abgeklärten Vorstellungen des Innovationsmarktes von Steve Jobs stehen sehen. Rosa Luxemburgs feurige Reden gegen Deutschlands Weltpolitik können dem einen oder anderen aus aktuellen Bundestagsreden bekannt vorkommen, und lassen nicht lange auf andere politische Statements von Ursula von der Leyen oder Joschka Fischer warten.

GLEICHBERECHTIGT: THEATER, PERFORMANCE, TANZ, MUSIK UND BILDENDE KUNST

Die Stückentwicklung gestaltet sich den ungewöhnlichen Räumlichkeiten entsprechend sehr frei; mit der Abkehr von der klassischen Theaterbühne verlieren auch klassische Theatertexte ihren Geltungsanspruch. Mittel des Theaters stehen gleichberechtigt neben Performance, Tanz, Musik und bildender Kunst. Durch die unbeschränkte Wahl der künstlerischen Mittel sind der Ideen- und Formatentwicklung keinerlei Grenzen gesetzt. Zusammen mit Schauspielern, Tänzern, Musikern und bildenden Künstlern wird ein umfangreicher Recherche- und Probeprozess betrieben, der sich nach und nach einer Fragestellung annähert. Sowohl Texte, Musik, Bewegungen und Raum entwickeln sich bei der Ideenfindung mit. Es wird experimentell getestet, was funktioniert und was nicht. Doch diese Stückentwicklung bleibt keinesfalls hinter dicken Mauern im Verborgenen, nein, das Publikum erhält die Möglichkeit, vielerlei Einblicke in aktuelle Entwicklungen zu gewinnen und kann dank Interviews und Gesprächen Impulse und Ideen mit einbringen. So wurden beispielsweise für "Schönheit der Vergänglichkeit #3 #1" Zeitzeugeninterviews mit ehemaligen Angestellten der KHD geführt, um zu erfahren, welche Menschen früher in diesem Unternehmen gearbeitet haben. Diese sind als Videoinstallation oder auch als Textgrundlage einiger Szenen der Produktion verwendet worden.

Es entsteht ein Raum, der Dialog ist. Dialog zwischen der Geschichte und der Gegenwart, der Gesellschaft und dem Individuum. Zwischen Künstlern und Publikum und mit dem eigenen Selbst. So offen, so scharf, so magisch, kritisch und klar, gestaltet sich ein einzigartiges Kunstprojekt, das nicht lange braucht, um die Zuschauer in seinen Bann zu ziehen und zu verzaubern.

JETZT IST ZEIT!






"ANGESAGT-RAUM13-Anja Kolacek und Marc Leßle, öffnen mit ihrem politisch-philosophischen Projekt "RAUM13" Räume an der Schnittstelle von Tanz, Schauspiel, Musik und bildender Kunst. Dafür gibt es weder ein festes Ensemble noch eine feste Spielstätte. Vielmehr soll an immer anderen Orten mit unterschiedlichen Gastkünstlern der Konflikt zwischen Politik, Kunst und Leben künstlerisch reflektiert werden. Das aktuelle Projekt " Deutzer Zentralwerk der Schönen Künste", bei dem leer stehenden Gebäude von Klöckner Humboldt Deutz zu einer offenen Plattform für Theater , Tanz , Kunst , Musik und Medien umgenutzt werden, wurde bereits vom Goethe Institut ausgezeichnet- experimentell und äußerst spannend! (Marco Polo Stadtführer Köln 2016)






Mit starrem Blick wandeln die Darstellerinnen in altmodischen Herrenklamotten auf ihre Zuschauer zu, langsam, schlafwandlerisch, wie in Trance. Über der kleinen Bühne im Hof des'Deutzer Zentralwerks

der Schönen Künste prangt in großen Lettern "Die Kunst der Revolution", darüber bricht die Abendsonne durch den wolkenverhangenen Himmel und taucht das morbide Fabrikgelände in goldenes Licht.

Schon die Einstiegsszene des Stücks "In 80 Tagen um die Welt" ist ein starkes Bild. Es folgen etliche weitere im mehr als dreieinhalbstündigen Parforceritt durch den ehemaligen Hauptsitz der Deutz AG, mit dem AnjaKolacek und Marc Leßle alias "raum13" ihre Trilogie "Schönheit der Vergänglichkeit #3-#1 - Das Werk" vervollständigen. Über die gesamte Spielzeit wird das Stück weiterentwickelt, keine Vorstellung soll der anderen gleichen.

Die Grenzen zwischen den einzelnen Sparten wie Theater, Tanz, Performance, Musik und Medien aufzubrechen und ihr Publikum in die Inszenierung mit einzubeziehen, ist das Steckenpferd des Künstlerpaares. Dieser Anspruch funktioniert ebenso gut wie das perfekte Zusammenspiel des Bühnenbildners und Lichtgestalters und der Regisseurin und Choreografin. Gemeinsam leiten sie die in einzelne Reisegruppen aufgeteilten Zuschauer durch etliche Winkel des rund 5000 Quadratmeter großen Geländes, in eine der alten Fabrikhallen etwa, wo zerfledderte, aufgequollene Ordner von der Decke baumeln und ein Wasserfall in die Tiefe strömt. In den Katakomben der weltweit ersten Gasmotorenfabrik räkelt sich eine Tänzerin lasziv im ehemaligen Duschraum dessen Kacheln in grellbuntes Licht getaucht sind. Einzeln schreiten die Reisenden durch dunkle Flure, von denen aus geöffnete Türen surreal-träumerische Einblicke in die ehemaligen Büros gewähren. Lebendige Diskussionen zwischenden erfrischend aparten Profi- und Laiendarstellerinnen über das Für und Wider der technischen Revolution machen das unbändige Staunen fast greifbar:

Durch die Motorisierung eröffnete sich für die Menschen erstmals die Möglichkeit, die Welt zu entdecken, angelehnt an Jules Vernes Roman sogar in nur 80 Tagen. Spannend geraten da bei die verschiedenen Perspektiven, die "raum13" aufzeigt.- Dass die Künstler stets auf Bewertungen verzichten und lediglich bei der Einordnung helfen, lässt genügend Raum für eigene Gedanken. Streckenweise geht die anspruchsvolle Inszenierung bis an die Schmerzgrenze, während uns die Kühle der alten Gemäuer erfrischt. 






Eine schwere Eisenkette. die Rost und Staub angesetzt hat, hängt von der sechs Meter hohen Decke. Ringsum bröckelt der Putz. Die Fabrikhallen der 1864 gegründeten Klöckner-Humboldt-Deutz-AG, der ersten Gasmotorenfabrik der Welt, waren eine Wiege der Industrialisierung. Seit bald zehn Jahren liegt das Werk still. Seit vier Jahren nutzen die Regisseurin und Choreografin Anja Kolacek und ihr Partner, der Bühnenbildner und Lichtdesigner Marc Leßle, das alte Fabrikareal an der Deutz-Mülheimer Straße für ihr gemeinsames Kunstprojekt „Raum 13“.

Ein Wohn- und Gewerbegebiet soll hier einmal entstehen. Bis es konkrete Bebauungspläne gibt, verwirklichen Kolacek und Leßle mit Erlaubnis des Investors ihre spartenübergreifende Kunst. „Die klassische Guckkastenbühne interessiert uns nicht mehr“, sagt Kolacek, „wir suchen neue Orte und neue Erzählwege.“ Die beiden 46-Jährigen haben die zerfallene Fabrik in „Zentralwerk der schönen Künste“ umbenannt. Das Goethe-Institut zählt es zu den zehn wichtigsten Projekten in Deutschland, die sich mit der kulturellen Nutzung von historischen Industrieanlagen beschäftigen. Aushängeschild unter den zahlreichen Kunstprojekten, die hier stattfinden, ist die Theater-Trilogie „Schönheit der Vergänglichkeit“. Der zweite Teil, „Kriegsblicke“, wurde 2013 mit dem Kurt-Hackenberg-Preis für politisches Theater ausgezeichnet. Ab 30. April ist das Finale zu sehen.

Dollarscheine werden in der sechs Meter hohen Fabrikhalle durch die Luft wirbeln - so beginnt die szenische Collage, durch die die Zuschauer im Rahmen des Stücks durch die Halle geführt werden. Ein paar Meter weiter wird sich mitten in der Industrieruine ein viereinhalb Meter hoher Wasserfall ergießen - Leßle hat schließlich nicht nur Kabel, sondern auch Gartenschläuche verlegt. Vor der Kulisse des 150 Jahre alten Gebäudes soll „In 80 Tagen um die Welt“ (so der Titel des Finales, der mit den beiden ersten Teilen zum Theaterabend „Das Werk“ zusammengefasst wird) von der Gesellschaft vor 150 Jahren erzählen. „Damals folgte eine Erfindung auf die andere“, sagt Kolacek. Auch historische Wendepunkte wie die Weltkriege werden thematisiert.

Das Ensemble - das Kolacek mit Blick auf die männerdominierte Zeit der Industrialisierung augenzwinkernd rein weiblich besetzt hat - hat Songs wie den Disney-heile-Welt-Klassiker „It‘s a Small World“ und das Volkslied „Mein Michel“ einstudiert. Erstmals kann das Publikum im Rahmen der Aufführung die ehemaligen Verwaltungsbüros der Deutz AG betreten. 6000 Quadratmeter des Komplexes haben Kolacek und Leßle erschlossen, begeh- und bespielbar gemacht. Dazu zählt noch nicht die gewaltige Gießerei-Halle, die Stolperfallen wie Löcher im Boden und freiliegende Heizrohre birgt. Die Zuschauer können jedoch durch ein eisernes Schiebetor einen Blick hineinwerfen.

 

 






Als „einziges Kunstprojekt“ verstehen Marc Leßle und Anja Kolacek die ehemaligen Industrieanlagen.

Wilder Flieder drückt sich durch den bröckelnden Asphalt, hinter kaputten Fensterscheiben der umliegenden Gebäude erinnern vergilbte Gardinen an längst vergangene Zeiten. Aus den ehemaligen Fabrikhallen des einstigen Weltkonzerns Klöckner-Humboldt-Deutz strömt der unterschwellige Geruch alten Motoröls.

Wo vor 150 Jahren Firmengründer Nicolaus August Otto den revolutionären Viertaktmotor erfunden und Köln damit zur Wiege der Motorisierung gemacht hat, haben Anja Kolacek und Marc Leßle den „Rauml3 - Deutzer Zentralwerk der Schönen Künste“ geschaffen. Sie verstehen den ehemaligen Hauptsitz der Deutz AG, den sie seit deren Wegzug 2007 zwischennutzen, als „Ort für experimentelle und politische Kunst sowie Schnittstelle von Theater, Tanz, Performance. Musik, Medien und Bildenden Künsten“.

Die Vergangenheit auf rund 5000 bespielbaren Quadratmetern erlebbar zu machen, ist eine echte Mammut-Aufgabe. Dass sie die bravourös meistern, hat das Künstlerpaar bereits mit den ersten beiden preisgekrönten Teilen der Trilogie „Schönheit der Vergänglichkeit - Das Werk“ bewiesen. Am 30. April vollendet der letzte Teil „In 80 Tagen um die Welt“ das spartenübergreifende Theaterkonzept.


Zuschauer gehen auf Zeitreise

Darin laden sie das Publik um auf eine interaktive Zeitreise ein, bei der der Dialog mit den Zuschauern eine zentrale Rolle spielt. Im beleuchteten Innenhof, in den imposanten Fabrikhallen und alten Vorstandsbüros beschwören Schauspieler die Vergangenheit der alten Fabrik herauf. Zeitzeugenberichte, alte Personalakten und andere historische Dokumente dienten Kolacek und Leßle als Anregungen. „Der Raum hat dabei klar den Inhalt vorgegeben.“ Nach und nach Schichten freizulegen und dabei einen Bezug zu Gegenwart und Zukunft herzustellen, ist ihr künstlerisches Konzept.

Diese Schichten sind beim Rundgang durch die spektakuläre Kulisse buchstäblich greifbar. Im einst prächtigen Treppenhaus zur ehemaligen Vorstandsetage, durch das bereits Persönlichkeiten wie Gottlieb Daimler, Wilhelm Maybach und Nicolaus August Otto schritten, türmt sich der abgeplatzte Putz auf den Stufen. 
Vergilbte Akten quellen aus furnierten Schrankwänden, aus den abgehangenen Decken hängen Kabelknäuel wie Eingeweide - alles originale Relikte, aber sorgfältig inszeniert von den beiden, die die gesamte Fabrik als ein „einziges Kunstprojekt“ versteht.

Dass Anja Kolacek und Marc Leßle die historischen Hintergründe noch tiefer erforschen konnten, ist einer Zwangspause geschuldet: Kurz vor der geplanten Premiere stürzte Leßle im vergangenen Sommer aus vier Metern Höhe von einer Leiter, zertrümmerte sich einen Wirbel, Ellenbogen und Handgelenk. Noch heute sitzt der Schock tief bei beiden.

Und bis heute ist der Techniker, der aus Kostengründen immer viel selbst gemacht hat, körperlich stark eingeschränkt. Dieser harte Einschnitt bringt für die beiden, die über die Jahre viel Geld in das Projekt gesteckt haben, auch finanzielle Sorgen mit sich. Zwar wurde „Raum 13“ von Rheinenergie-Stiftung und Kulturamt gefördert, allerdings ist die zukünftige Unterstützung noch unsicher. Die spartenübergreifende Arbeit erschwert das Prozedere.
„Wir kämpfen aktuell um eine mittelfristige Konzeptionsförderung von der Stadt, so Anja Kolacek. Zwar sind wir als förderungswürdig eingestuft, bekommen aber erst Zuschüsse, wenn der Haushalt beschlossen ist.“

Premiere: 30. April, Folgetermine am 16. und 30.5. und den Sommer über, jeweils 19.30 Uhr, Deutz-Mülheimer Straße 147-149. Alle Termine und Tickets unter www.raum13.com.

 






Als beim Motorenhersteller Deutz AG vor Jahren die Lichter ausgingen, verfiel der Gebäudekomplex an der Deutz-Mülheimer Straße zusehends. Einem Teil des riesigen Areals haben die Regisseurin und Choreographin Anja Kolacek und der Bühnenbildner und Lichtdesigner Marc Leßle mit Schauspiel, Tanz, Konzerten, Performances und Kunstpräsentationen neues Leben eingehaucht und es zum „Raum 13 – Deutzer Zentralwerk der Schönen Künste“ umfirmiert.  „Die Räume hier sind so stark, man spürt ihre Geschichte in jeder Pore“, begeistert sich Anja Kolacek. Ein schwerer Bühnenunfall von Leßle hat den großen Aktivitäten vorerst ein Ende gesetzt; im kleinen Rahmen aber wird der Spielbetrieb aufrecht erhalten.

Aktuell ist in der riesigen Vorhalle der ehemaligen Gießerei eine eigens für diesen Ort entstandene Installation

des Künstlers Martin Kleppe zu sehen, der in der markanten Industriearchitektur eine Art versteinerten Märchenwald inszeniert hat. „Medusas Garten“ ist der Titel der vierteiligen Skulpturengruppe, die auf die Figur

aus der griechischen Mythologie anspielt, die mit ihrem Blick alles Leben um sich herum in Stein verwandeln konnte. Kleppe hat sich von Naturformen zu den Objekten aus Textilbeton anregen lassen. Disteln, Rhabarberblätter, Mohnblüten und Pilze, wie sie in seinem Ateliergarten in der Vulkaneifel wachsen, dienten als Vorbilder für die monumentalen pflanzlichen Gebilde, die zugleich etwas seltsam Wesenartiges ausstrahlen.

Textilbeton, der bevorzugte Werkstoff des Bildhauers, ermöglicht bei feinster Materialstärke die freie Gestaltung

ausladender Formen; die vermeintliche Wuchtigkeit steht dabei im Widerspruch zur tatsächlichen Leichtigkeit der

Skulpturen. Die graublaue Farbe lässt an Stein denken. Auch dies ist ein gewollter Effekt, mit dem Martin Kleppe Bezug nimmt auf den verlassenen Ort, an dem einst emsig gearbeitet wurde. Viele Spuren erinnern noch an diese Zeit, auch wenn jetzt alles Leben wie erstarrt scheint.

Die geheimnisvolle Anmutung der Installation wird durch die raffinierte Beleuchtung und die Platzierung in einem rechteckigen Wasserbecken verstärkt, auf dessen Oberfläche sich die Skulpturen spiegeln; der Blick in die angrenzenden maroden Produktionshallen verstärkt den Eindruck des Gespenstischen.

 






Industriekultur Deutschland

raum13 freut sich, und ist auch ein wenig stolz darauf, vom renommierten Goethe Institut auf die Liste der 10 wichtigsten Projekte in der BRD gesetzt worden zu sein, die sich erfolgreich mit der kulturellen Nutzung von historischen Industrieanlagen beschäftigt haben. 
Auf dieser Liste sind noch u.a. so bekannte Institutionen wie das Muffatwerk München, das Radialsystem V Berlin, die Kulturbrauerei Berlin und die Zeche Carl Essen.
Wir, Anja Kolacek und Marc Leßle, werden unser Bestes geben, dieser Benennung, die wir als Auszeichnung empfinden, auch in Zukunft gerecht zu werden. 

Hier der Link zum Goethe Institut: http://www.goethe.de/ges/mol/del/pan/de12480976.htm






Köln - Großer Erfolg für den „raum 13“. Das „Deutzer Zentralwerk der Schönen Künste“ wurde vom renommierten Goethe-Institut in die deutsche Top Ten von kulturell genutzten historischen Industrieanlagen aufgenommen. 

Dazu gehören u.a. die Kulturbrauerei Berlin und die Zeche CarI Essen. Am 30. April steigt dort ab 19 Uhr die große Eröffnungsnacht des „Acht Brücken Festivals“. 






Eigentlich eine unzeitgemäße Veranstaltung: Während die christliche Welt den Blick auf die Krippe in Bethlehem richtet, den Ursprung des Neuen Testaments, setzt sich Marc Günther im Freiburger Theater im Marienbad die Kippa auf und beginnt, aus dem Alten Testament zu lesen. Genauer gesagt rezitiert der freie Regisseur ein Stück aus der eigenen Feder, geschrieben für Erzähler und Chor, uraufgeführt 2010 in Südtirol. Der Autor nennt es eine Art Collage, für die er Bibeltexte zueinander stellte, zusammenfasste, kommentierte – sprachlich dennoch aus einem Guss. Ein Parforceritt durch das Alte Testament. 


Alles ist weiß, die Bänke weiß verhüllt, die Auslassungen in den Wänden weiß bespannt, und über der kleinen Hörergemeinde wölbt sich milchig die Hallenkuppel des ehemaligen Schwimmbads. Mit weicher, einnehmender Stimme, Chor und Erzähler in einer Person, hebt Marc Günther an – die Poesie der Schöpfung herauf beschwörend: "Eine Wölbung mitten in den Wassern, eine Scheidung zwischen den Wassern und den Wassern. Die Wölbung Himmel. Und Abend, und Morgen: ein zweiter Tag."

Doch das Lichtbild im Hintergrund spricht eine andere Sprache: Maschendraht auf den Golanhöhen, daran befestigt ein gelbes Warnschild mit der Aufschrift "Danger Mines!" Den Frieden, den Gottes Schöpfung verspricht, hält schon das Alte Testament nicht. Die biblischen Geschichten dieses Abends sind eine Aneinanderreihung von Grausamkeiten, unbarmherzigen Gesetzen, Bestrafungen, blutigen Racheakten. Günther, ehemals Intendant in Graz und Köln, der zuletzt für das Marienbad "Kabale und Liebe" inszenierte, erzählt sie ungerührt und frei von Pathos. Ein leichtes Heben der Stimme, ein kleines Zurechtrücken der Brille, ein Häme verratendes Lächeln wirken umso eindrücklicher.

Es ist eines der ältesten Dokumente der Menschheit und eines der widersprüchlisten zudem, das Liebe predigt und immer wieder Hass sät. Alle drei monotheistischen Religionen berufen sich auf das Alte Testament. Abrahams Kinder sind verfeindet wie eh und je. Nach wie vor wird die Bibel als Legitimation für politisches Handeln herangezogen. Ein Ausspruch des israelischen Ministerpräsidenten Netanyahu dient als Klammer des Abends: "Das jüdische Volk hat vor 3000 Jahren in Jerusalem gebaut, und das jüdische Volk baut heute in Jerusalem."

Keineswegs anachronistisch, sondern brandaktuell erscheinen diese Texte voller Weisheit und Wahnsinn, geeignet für "gegensätzlichste Lesarten von Verdammung und Gnade". Wörtlich, ohne ihren geschichtlichen Hintergrund verstanden, sind sie Futter für die Fundamentalisten in aller Welt. Ein Grund mehr, sie immer wieder zu lesen. Oder besser noch, vorgetragen zu bekommen von einem, der die "abenteuerlichen Landschaften des Alten Testaments" durchmessen hat, immer auf der Suche, wie er selbst sagt, "nach dem erhellenden Licht. Vielleicht!"






Skulpturen-Welt aus Kunststoff

Kölner Stadt-Anzeiger // 11.12.2013 // von Jürgen Kisters

DEUTZ. Von Installationskunst oder Kunst im Raum ist häufig die Rede in den letzten Jahren. Oft genug zeichnen sich Ausstellungen unter dem Label allerdings lediglich dadurch aus, Kunst an einem besonderen Orten zu präsentieren. In einer alten Industriehalle etwa. Wie so ein besonderer Ort und Kunstwerke optimal zusammenwirken können, zeigt derzeit eine Ausstellung im Raum 13 im Deutzer Zentralwerk der schönen Künste. Bildhauerin Gesine Grundmann hat dort, im ehemaligen Verwaltungsgebäude der KHD-Werke, eine ganze Büroetage mit ihren Werken erschlossen.

Kein leichtes Unternehmen, wie die Kölner Künstlerin erklärt, deren Atelier sich die Straße hinauf im Kunstwerk befindet. Dort sind die meisten der Skulpturen entstanden, die sie ganz unterschiedlich in den alten Büros platziert hat. Entlang der Wand oder hängend, mit geschickter Lichtflexion belebt – oder als Hindernis.

Rasch bemerkte die Künstlerin, dass es in einer solchen Umgebung nichts bringt, die Werke einfach mittig wie in einer Galerie aufzustellen. Vielmehr musste sie mit der konkreten Örtlichkeit arbeiten und ihre Kunst mit den vorhandenen Spuren der ehemaligen Nutzung in Austausch bringen. So legte sie schwarze Bodenplatten aus, riss Wände ein, baute neue auf und verwandelte ehemaligen Deckenlampen in Standlampen und nahm Deckenplatten heraus, um den Raum nach oben zu öffnen.

Ein faszinierendes Szenario ist auf diese Weise entstanden, in dem Grundmanns Skulpturen Kraftzentren darstellen, die sich auf den gesamten Raum ausdehnen und jede beiläufige Einzelheit in die künstlerische Wirkung einbeziehen: Große Lüftungsrohre, alter Teppichboden, zersprungene Fensterscheiben oder hölzerne Heizungsverkleidungen aus den 1950er Jahren und gesplitterte Türrahmen werden plötzlich zu Elementen, die aus Grundmanns Skulpturen hervorgehen – und wieder auf sie zurückverweisen.

Die Bildhauerin verwendet gern Kunststoffe zur Herstellung ihrer Werke.

Betonkreise breiten sich auf dem schwarzen Teppichboden aus. Zwei abgestellte Cowboystiefel auf dem Beton und ein Karton mit undefinierbaren Dingen kurbeln die Fantasie an. Vor dem Hintergrund, dass das Deutzer Zentralwerk der schönen Künste neben Kunst- und Musikpräsentationen eine Stätte für freie, experimentelle Theaterproduktionen ist, verstärkt sich der Eindruck.

Obwohl Grundmanns Skulpturen größtenteils abstrakt und in ihren Formen sehr reduziert sind, verströmen sie eine verblüffende erzählerische Dimension. Die aus Styropor und Spachtelmasse geformte Wand oder Felsformation führt hinein in die existenzielle Dramatik antiker Dichtungen.

Die auf einer abgeschrägten Wand präsentierte Sammlung brüchiger Sandsteinfragmente, die von einem Strand in Israel stammen, veranschaulicht die Erzählung vom Anfang und Ende der Welt. In einem anderen Werk, das eine Muschelform mit vielen Wellen zeigt, legt Grundmann die Natur sogar an eine Kette. „Ich liebe Material. Und ich will damit zeigen, dass wir auch in Zeiten digitaler Medien noch immer einen Körper haben“, sagt die Künstlerin.

Allerdings will sie nicht erklären, sondern zeigen: An der Bildhauerei fasziniere sie vor allem die Komplexität des Prozesses. „Man kann eben nicht alles denken und planen, sondern es passiert bei der Realisierung einer Skulptur immer etwas Unerwartetes“, sagt Grundmann. „Eine gute Skulptur ist reicher als alles, was man denken kann“. Was für Grundmanns Skulpturen gilt, gilt auch für die Räume, in denen sie zu sehen sind. Deren Aura lässt sich keineswegs allein mit der Geschichte ihrer ehemaligen Nutzung erklären, verkörpert in vielen Zeichen aus unterschiedlichen historischen Phasen der KHD-Fabrik, deren einstiger Weltruhm mit der Erfindung des Otto-Motors verbunden ist.

So bekräftigen Grundmanns Kunstwerke, dass alte, ausgediente Industriegebäude nicht nur Geschichte in sich bergen, sondern auch bereits die Tendenz zu einer Kunsterfahrung, die ins Geheimnisvolle zielt.

Raum 13, Deutzer Zentralwerk der Schönen Künste, Deutz-Mülheimer-Straße 147-149, Do 16-20 Uhr, So 14-18 Uhr, bis 15.12.






Eine riesige düstere Industriehalle, kahl und verkommen, mit dem Flair des Vergangenen, explosiv rockende Musik, Menschen in wildem Arbeitsrhythmus mit Vorschlaghammer und Kreissäge, in Staub und Funkenregen, schaffen sie, zerstören sie? So beginnt die Produktion „KriegsBlicke“.

In einer Collage aus fesselnden und verstörenden Bildern, Berichten von Zeitzeugen und literarischen Quellen befragt diese Produktion Historie und Gegenwart – wo sind die Momente, in denen Gesellschaft kippt, in denen man sich in Sicherheit einlullt, in denen alles auf Krieg hinausläuft, wann beginnt der Vorkrieg?

Großartig die Kunst der drei Schauspieler, diese Vielfalt der Erinnerung, Phantasie und Träume darzustellen: berserkernde Industriearbeiter, sensible Zeitzeugen, Soldaten, die ihren Job machen, brüllende Demagogen und gehorsamtrunkenes Volk, tänzerisch-zarte Zuneigung über Grenzen hinweg, Absinken in den Wahnsinn. Großartig auch die kongeniale Musik von FM Einheit.

Augenblicke aus den 100 Jahren zwischen 1913 und heute werden fokussiert: Patriotismus, Selbstüberschätzung, Verzweiflung, Schrecken, falsche Hoffnung. Die Szenen bilden einen Spannungsbogen vom Damals zum Heute. Die damals moderne Technik, deren Zeuge die alte Werkshalle ist, gab Hoffnung auf besseres Leben, war zugleich Anstoß zu immer perfekterer Kriegsführung. Die internationale Verflechtung von Wirtschaft und Finanzwelt schien Kriege auszuschließen. Eine falsche Sicherheit, in der wir uns auch heute wähnen? Bedrückend die Zitate aus der damaligen Kunst- und Intellektuellenszene, durchweg kriegsbegeistert. Da bröckelt auch die eigene friedensbewegte Sicherheit - in einem Land, das teilnimmt an Morden und Kämpfen, die als „Krieg gegen Terror“ gerechtfertigt werden, unterstützt von modernster IT- Technik. Sind wir nicht alle gegen Krieg?

Eine Produktion, deren Ästhetik fasziniert und die einen nachdenklich entlässt. 

Anna Dünnebier und H.- Georg Lützenkirchen

für die Jury des Kurt-Hackenberg-Preises, ausgelobt von der Freien Volksbühne Köln e.V., Köln im November 2013 






http://theaterpur.net/persoenlich/2013/11/11/raum13-festival-–-jung-–-na-und!/

raum13 Festival – JUNG? NA UND!

JUNG! NA UND! ist die 2012 von raum13 ins Leben gerufene Plattform für junge und talentierte NachwuchskünstlerInnen, die mit der Unterstützung von raum13 ihre ersten eigenen künstlerischen Projekte entwickeln und umsetzen können.

raum13 bot in der Zeit vom 25. bis zum 27. Oktober NachwuchskünstlerInnen oder -kompanien aus den Bereichen Theater, Tanz und Performance die Möglichkeit, ihre eigenen künstlerischen Ideen und Arbeiten im Rahmen des Nachwuchsfestivals JUNG! NA UND! zum Thema Europa zu präsentieren. Die zwanzig- bis dreißigminütigen Tascheninszenierungen beschäftigten sich sowohl mit der Geschichte der Europäischen Union als auch mit aktuellen gesellschaftspolitischen und künstlerischen Tendenzen in Europa. Michael Cramer sprach nach Abschluss des Festivals mit Anja Kolacek und Marc Leßle, den künstlerischen Leitern von raum13.

Michael Cramer: Ihr lange vorbereitetes Festival ist vorbei, so langsam legt sich sicherlich die Anspannung und es kommt wieder Ordnung in die Bude - wie war es denn ?

Anja Kolacek: Wir hatten ein tolles Wochenende: viele hochspannende kleine Stücke und mehr Zuschauer als wir eigentlich verkraften können; so mussten wir am Samstag schieben und zwei Stücke doppelt spielen. Alle waren sehr zufrieden, die Stimmung hervorragend – es hätte nicht besser laufen können. Auch wir waren sehr glücklich mit den Gruppen, die wir eingeladen hatten, die mit völlig unterschiedlichen Arbeitsansätzen in den Stücken und Performances arbeiteten. Vorgegeben waren die Inhalte „Europa“ und „Zerbombt“, die gut zu unserer aktuellen Trilogie passen. Und dann natürlich zum Stoff der Sarah Kayne mit innerem und äußerem Krieg; diese Dinge sollten transportiert werden, um sich damit auseinander zu setzen.

Michael Cramer: Wie kamen Sie denn an die Künstler und die Stücke?

Marc Leßle: Wir haben eine Ausschreibung durchgeführt bei „Theaterjobs“, haben Schauspielschulen und Universitäten angeschrieben, haben über Facebook nachgefragt. Wichtig war, dass hier vor Ort geprobt wurde und unsere Räume genutzt werden konnten. Es haben sich ca. 80 Gruppen bzw. Einzelkünstler gemeldet; alle haben ein Konzept und ihre Vita eingereicht. So konnten wir schauen, was für uns interessant ist und was eine schöne Mischung ergibt. Zwei Wochen vor Probenbeginn gab es ein Brainstorming-Wochenende, dabei hat sich herauskristallisiert, wer hierher passt. Einer Gruppe war das nicht fein genug bei uns, eine andere ist erst gar nicht erschienen. Wir haben jeder Gruppe einen Produktionskostenzuschuss von 1000 € zur freien Verfügung sowie einen Fahrtkostenzuschuss gezahlt. Die Gruppen konnten bei uns nach Herzenslust proben, Platz haben wir hier ja mehr als reichlich hier.

Michael Cramer: Welchen Effekt hatte das Festival denn für das Theater selbst?

Anja Kolacek: Natürlich primär viele Uraufführungen präsentiert zu haben, das macht ein sehr gutes Gefühl. Dann: Wir haben einige Sternchen entdeckt bzw. wieder gefunden, mit denen wir weiter arbeiten möchten wie die Kölnerinnen Rebecka-Madita Hundt, die gerade einen Darstellerpreis gewonnen hat, und Aischa-Lina Löbbert, frisch ausgezeichnet mit dem Kölner Nachwuchspreis. Alle wollen hier wieder spielen und am liebsten ihre Installationen gar nicht erst abbauen. Für die Künstler selbst ist das Festival ein Ansatz für einen Netzwerk untereinander, damit es weitergeht, damit es keine einmalige Aktion war. Wir „fliegen“ mit dem Theater ohnehin erfreulicherweise selbstständig, sind auch in potentiellen Zuschauerkreisen zunehmend bekannt. Das Festival ist natürlich eine sehr gute Promotion für das Theater, es soll im kommenden Jahr wiederholt werden. Für die Büroräume und Werkhallen, die uns zur Verfügung stehen, haben wir einen unbegrenzten Mietvertrag; wie lange wir bleiben können, hängt davon ab, was die Stadtentwicklung mit der Industriebrache anfangen will.

Michael Cramer: In solchen Räumen muss natürlich ein Theater gespielt werden, welches deren Geschichte aufgreift.

Marc Leßle: Machen wir ja auch. Der Zeitraum unserer Theaterstücke beginnt 1864 mit der Erfindung des Ottomotors in diesen Hallen. Wir bearbeiten die Zeit bis heute, zeigen den gesellschaftlichen Wandel auf, der immer wieder einen Blick zurück, aber auch in die Zukunft wirft. Jetzt sind wir wieder in einem neuen gesellschaftlichen Umbruch, der Digitalisierung der Welt. Hauptthema 2013 war der Krieg mit unserem StückKriegsblicke, mit dem Konzert von FM Einheit, mit der bevorstehenden Ausstellung von Gesine Grundmann. Unsere Idee ist, dass junge Leute, die den Krieg nie persönlich erlebt haben, das Thema besser greifen können. Das gibt’s zwar auch im Fernsehen, ist aber weit weg. Mit dem 88-jährigen Adolf Helmig haben wir glücklicherweise einen Zeitzeugen gefunden, mit dessen Erinnerungen unser Schauspieler Florian Lenz zunächst überhaupt nichts anfangen konnte, weil dies für ihn außerhalb seiner Welt war.

Anja Kolacek: Europa haben wir genommen, weil hier die Gesellschaft ist, in der wir leben, wo sich genau dieser Strukturwandel derzeit ereignet. Wo die Produktion zurückgeht zu Gunsten der Dienstleistungsgesellschaft. Und wo man darüber nachdenkt, in welcher Gesellschaft wir zurzeit leben mit Kapitalismus, mit Finanzwirtschaft, was sich seit den 70ern extrem gewandelt hat und was uns heute auf die Füße fällt. Bringt es uns etwas, sich derartig in Europa wirtschaftlich zu engagieren, bringt es uns Frieden oder nur den Friedensnobelpreis? Manch einer sagt zu Recht, wenn man über Europa nachdenkt, hat man die Probleme am Hacken.

Michael Cramer: Sprechen Sie denn damit schwerpunktmäßig die jüngere Generation an? Machen Sie politische Bildung?

Marc Leßle: Auf keinen Fall nicht nur, denn gerade der Dialog zwischen den Generationen ist sehr interessant. Mit unseren Stücken soll ja, wenn der Vorhang fällt, nicht Schluss sein, sondern sich ein kommunikativer Raum entwickeln mit generationsübergreifenden Diskussionen. Politische Bildung machen wir nicht, auch kein pädagogisches Theater, wohl aber politisches Theater; wenngleich das Theater schon generell schon eine Bildungsstätte ist. Es freut uns sehr, dass so viele junge Leute in unser Theater kommen, und das sicher nicht nur wegen des ausgefallenen Ambientes von raum13.

Michael Cramer: Wie sind denn die Stücke beim Publikum angekommen? Aus den kurzen Beschreibungen geht schon hervor, dass hier keine leichte Kost serviert wurde. Vielleicht können Sie diese kurz skizzieren.

Anja Kolacek: “a place of fantasy and make-believe” ist eine bitterböse billige Fernsehshow und echte Zuckerwatte als Symbol für unsere gute und schöne Welt, aber mit versteckten Vorwürfen zwischen den Zeilen über Einwanderung in die Festung Europa. Manche Zuschauer haben sich geweigert mitzuspielen, weil sie sich schuldig fühlten am Verhalten der EU (von und mit Thomas Bartling und Henning Bekermann).

Die Zwillingskriege ist eine fast sprachfreie Pantomime von zwei Schauspielerinnen (Maelle Giovanetti und Sindy Tscherrig), quasi Tanztheater mit kleinem detaillierten Spiel und minimalistischen Bewegungen. Thema ist Gewalt, Abhängigkeit, Unterdrückung, Ausweglosigkeit in einem fast leerstehenden Hotel. Eine sehr sensible und feine Regiearbeit mit Gestik und Sound, ein großartiges Stück.

Bonus Ende ist das Erstlingswerk von Klara Sofia Fernandez (Text und Regie). Sie will in die Zukunft denken, wohin sich unsere Gesellschaft entwickelt, wo alles Faktische verloren geht zu Gunsten eines virtuellen Raumes. Das Stück war zu lang und vor allem zu voll gepackt, mit zu wenig konkreten Bildern, man musste es schon als Experiment sehen. Aischa-Lina Löbbert zeigte blendende Schauspielkunst, die Leute hingen an ihren Lippen, auch wenn sie wenig verstanden haben.

Cate(s) krieg(t) spielt auf einem Laufsteg mit Bombentrümmern, mit Frontberichten, aber über den inneren Krieg zwischen Cate und ihrem Mann, mit Verwischung zwischen Front und Hinterland. Rebecca-Madita Hundt ist eindrucksvolle Trümmerfrau und auch wieder schickes Weib nach dem Krieg. Der Laufsteg, eigentlich symbolisch für Schönheit und Ästhetik, präsentiert die Trümmer der Geschichte unter schicken Stöckelschuhen (von und mit Rebecca-Madita Hundt).

Sindy und Roman: Zuhause in Europa ist eine handwerklich hervorragende Regiearbeit mit Bewegung, mit hin- und her, mit Theaterzauber. Zwei junge Leute mit einem Kleinwagen schlagen sich bettelnd in Europa durch, lustig daherkommend, zeigen aber mit dem Finger auf viele negative Sachen in Europa, so dass einem dann das Lachen doch im Halse stecken bleibt. Ein bitterböses Stück, was als abendfüllende Veranstaltung entwickelt werden soll (René Kalauch und Sabrina Tannen).

Zum Schluss dann noch Wir in Europa, eine Videoinstallation im früheren Konferenzraum von KHD auf mehreren Bildschirmen gleichzeitig. Ann-Kathrin Auditor und Indre Bogdan haben in Köln wahllos Leute gefilmt und gefragt, was ihnen Europa bedeutet, die Antwort dann als dramaturgischer Bogen zusammengeschnitten, wobei nicht zu erkennen war, wer gerade was sprach. Anregungen für eine nachfolgende Diskussion unter den Zuschauern: was bedeutet Europa für mich? Die sich dann auch tatsächlich ergeben hat.

Michael Cramer: Gab es denn auch echte Pannen?

Marc Leßle: Einen Totalausfall hatten wir, die Truppe für Ian und Cate hatte für ihr Stück Anforderungen an uns gestellt, die wir nicht erfüllen wollten und konnten. Da ist sie kurz vor dem Festival wieder abgereist. Ist aber kaum aufgefallen.

Michael Cramer: Ich habe an zwei Abenden alle Stücke selbst gesehen und war anschließend ganz schön fertig, und das nicht nur körperlich. Das ist mein ganz dickes Kompliment an Sie für dieses ungewöhnliche Festival. Viel Erfolg weiterhin.






Der Weg eines ehrgeizigen Überzeugungstäters

Das Kölner EL-DE-Haus hinter dem Stadtmuseum, Anfang der 30er als Wohn- und Geschäftshaus des Schmuckhändlers Ludwig Dahmen geplant, wurde noch als Rohbau 1935 von der Gestapo beschlagnahmt und als Dienststelle mit mehreren Haftzellen umgebaut. Seit 1986 dient es als viel besuchtes NS-Dokumentationszentrum; derzeit ist die Sonderausstellung „Der Prozess“ anlässlich des Eichmann-Verfahrens vor 50 Jahren in Jerusalem zu sehen.

Das Kölner Theater RAUM13, angesiedelt in den ehemaligen Fabrikhallen von KHD und hier schon mehrfach besprochen, hatte 2007 mit diesem Stück, Heinrich Baumgärtner vom Schauspiel Köln als Eichmann und in diesem Hause das Theaterlicht der Welt erblickt, eingerichtet von den beiden Chefs Anja Kolacek und Marc Leßle. Dort wie auch später im eigenen Hause war das Stück immer mal wieder gespielt worden. Anlässlich der Ausstellung lag es nahe, das Täterstück um den „Mythos Eichmann“ in diesem Ort des Schreckens erneut aufzuführen.

Zu erleben ist eine Collage aus Interviews des 1962 hingerichteten Eichmann - das überhaupt einzige Todesurteil in Israel - die er am Fluchtort Argentinien seinem Vertrauten und ehemaligen SS-Mann und Kriegsberichterstatter Willem Sassen gegeben hatte. Den veröffentlichten Verhörprotokollen des Prozesses werden auch Texte aus seinen handschriftlichen Erinnerungen gegenübergestellt; eine akustische Veröffentlichung der vielen Tonbänder, die im Bundesarchiv Koblenz lagern, lehnen Eichmanns Erben bislang ab.

Der Ort ist schon schrecklich genug: alles ist noch im Originalzustand, im Keller sind die Zellen mit den Wandkritzeleien der oft lange einsitzenden Häftlinge zu besichtigen, Wände und Vitrinen sind auf dem Wege zum Theaterraum voll anklagender Fotografien und Lebensläufe. Eine schaurige Einstimmung auf die folgenden anderthalb Stunden mit dem Berliner Schauspieler Florian Lenz, den es regelmäßig in seine rheinische Heimat und ins Theater RAUM13 zieht.

Lenz schlendert lässig und mit Bierflasche zu einem Ledersofa, auf dem er sich fläzt, öffnet mal das Fenster, wandert umher. Ganz nett und harmlos, der Typ - wie es scheint. Aber die Texte dann, zum Teil vom Band und mit Marschmusik hinterlegt, lassen das Blut gefrieren. Lenz schildert seinen Weg zum ehrgeizigen Überzeugungstäter und fanatischen Judenhasser, der die eigene Rasse retten musste. Er versucht sich als bloßen Befehlsempfänger darzustellen, Teile seiner Prozess-Verteidigung kommen hoch: „Ich saß am Schreibtisch, machte meine Sachen“. Aber dann ließ er auch die Wahrheit raus „Ich war kein normaler Befehlsempfänger, dann wäre ich ein Trottel gewesen, sondern ich habe mitgedacht, ich war ein Idealist gewesen“. Ein Buchhalter des Todes, wie man ihn nannte, ein übereifriger, fanatischer Bürokrat, der stolz auf „seine“ Millionen Tote war.

Bei allem Grauen über diesen Menschen kommt es aber auch in den Sinn, ob nicht in jedem von uns ein kleiner „Eichmann“ schlummern könnte. Zeigen aktuelle Untersuchungen doch, dass heutige Massenmorde oft von ganz normalen Menschen verübt werden, die sich unbemerkt entwickeln. Beim Kontakt mit den Aktenbergen, die seine aktive Mitwirkung und Schuld belegen, bricht seine Chamäleonartigkeit auseinander, er zertrampelt die Zettelberge, sein ideologisches Gebäude stürzt ein, aus einem Nebenraum schreit er sein Seelenleben und seine Verteidigung hinaus. Keine Einsicht in die Abartigkeit seines Handelns.

Florian Lenz schafft es in dem langen anstrengenden Monolog, die vielschichtigen Facetten und die schaurige Persönlichkeit von Eichmann unter die Haut gehen zu lassen; er schwadroniert, säuselt, flirtet, sinniert, brüllt, berichtet sachlich, lobt sich. Und reagiert auch perfekt auf ungeplante Einwände und Fragen von Zuschauern. Großes Theater mit einem jungen Schauspieler in geschichtlichem Gemäuer. Langer Applaus nach langem Schweigen.






https://soundcloud.com/raum-13/1live-klubbing-vimes-bei-alice?in=raum-13/sets/radio






DEUTZ AG - Wo Geschichte in jeder Pore steckt

Aus dem Hauptsitz des Motorenherstellers Deutz AG ist das „Deutzer Zentralwerk der schönen Künste“ geworden. Was das Traditionsunternehmen zurückließ, dient Kreativität als Requisite und die alten Räume als Bühne für die Kunst.

Der Boden ist mit Schutt bedeckt, Kabel ziehen sich wie Adern über die bröckeligen Wände und baumeln von der Decke. Die Glasscheibe in der Tür ist eingeschlagen. „So sah es hier überall aus“, sagt Marc Leßle. „Nur ging uns der Schutt bis zu den Knöcheln.“ 5000 Quadratmeter haben Bühnenbildner Leßle und Choreografin Anja Kolacek alias „raum 13“ inzwischen freigeschaufelt. Wie viele Räume, das wissen sie gar nicht genau. Immer im Kampf gegen die „Parallelwelt“, die in der ehemaligen Hauptverwaltung der Klöckner Humboldt Deutz AG in der Deutz-Mülheimer-Straße nach Kupfer oder Schutz vor Kälte sucht. „Manchmal hätte man heulen können“, sagt Kolacek. „Wenn alles wieder kaputt war, was man am Tag vorher aufgebaut hatte“

Inzwischen strahlt das Foyer mit der eindrucksvollen Treppe in Weiß, Blumen wachsen aus den Pissoirs im heutigen Damenklo und drei Etagen, inklusive der Produktionshallen, werden als Spielorte für Tanz-, Theater- und Performance-Kunst genutzt. Aus dem Hauptsitz des Motorenherstellers Deutz AG ist das „Deutzer Zentralwerk der schönen Künste“ geworden.

EINE GIGANTISCHE AUFGABE

Leßle und Kolacek verstehen ihr Zentralwerk als „spartenübergreifendes Stadt-Kunstprojekt“. Eine gigantische Aufgabe, die zwar von der Stadt und der Rhein-Energie gesponsert wird, aber: „Das reicht natürlich nicht.“ Also haben die beiden Künstler nicht nur viel Zeit und Arbeit in das Zentralwerk gesteckt, sondern auch sehr viel eigenes Geld. „Wir machen’s erstmal – und gucken dann, wie wir das finanzieren können“, lacht Kolacek.

Dabei haben die schönen Künste nicht einmal dauerhaftes Bleiberecht in der Industriebrache. Der Besitzer hat das Gebäude zwar von sich aus angeboten. Wenn er aber Eigenbedarf anmeldet, bleiben Leßle und Kolacek nur sechs Monate, um das Gelände zu räumen.

Doch das scheint den Beiden wenig auszumachen: Sie erzählen von weiteren Umbauplänen und der nächsten Produktion. Ihre wichtigste Inspiration, Leitmotiv und Verpflichtung ist dabei immer das Gebäude, das sie bespielen. „Die Räume hier sind so stark, man spürt ihre Geschichte in jeder Pore“, sagt Kolacek. „Das ist so irre, das kann man nicht ignorieren.“

ZENTRUM DER WELTMOTORISIERUNG

Rund 140 Jahre lang produzierte die Deutz AG in der Deutz-Mülheimer-Straße. Mit dem Ottomotor legte das Unternehmen hier den Grundstein für die weltweite Motorisierung. 2007 zog die Deutz AG nach Köln-Eil. Die Hauptverwaltung räumte als eine der letzten Abteilungen den Mülheimer Standort.

Die Fundstücke, die der Weltkonzern bei seinem Umzug zurückließ, haben Leßle und Kolacek gewissenhaft gesammelt und ganze Räume rekonstruiert. Ob Gehaltsabrechnungen in D-Mark, die Strichliste zur Betriebsratswahl, die Sirene in der Werkshalle oder das Pin-Up-Girl im Spind eines Mitarbeiters – in jedem Winkel des Zentralwerks warten Erinnerungen an die industrielle Blüte der Baracke. Sie bilden das perfekte Bühnenbild für die Produktionen von raum 13. „Die Räume geben uns den Inhalt vor, nicht anders herum“, sagt Kolacek. „Von der Industrialisierung bis zur Digitalisierung der Welt.“

Artikel URL: http://www.ksta.de/koeln/deutz-ag-wo-geschichte-in-jeder-pore-steckt,15187530,24309482.html






"Schönheit der Vergänglichkeit #2_KriegsBlicke" im Deutzer Zentralwerk der Schönen Künste ist ein intensiver, sehr sehenswerter Abend, der Leid und Wirren des Krieges direkt, teilweise überdeutlich aufzeigt. Nominiert für den Kölner Theaterpreis 2013 und den Kurt-Hackenberg-Preis für politisches Theater.

 Der Erste Weltkrieg ist nicht plötzlich, wie ein Erdbeben, über die Menschheit hereingebrochen. Er hat sich vor 1914 angekündigt und wurde von vielen, etwa Ernst Jünger, zunächst als reinigendes Gewitter verherrlicht, in dem sich die überschüssigen Energien der Zeit entladen konnten. Es kam anders. Der Zweite Teil der Trilogie "Schönheit der Vergänglichkeit" heißt "KriegsBlicke" und untersucht im Theaterraum von raum13 die Vorkriegszeit auf Zeitgeist und Weltbilder, der Bogen spannt sich bis in die Gegenwart hinein.

Die Industrieruine der Fertigungshalle der KHD unterstützt mit ihrer Aura die Erkundung von Industrialisierung und Krieg, Macht und Ohnmacht, Leid und Ängsten. Schon das Anfangsbild nimmt gefangen. Nikolaus Benda, Anne Düe und Florian Lenz zertrümmern mit dem Vorschlaghammer Steine, bearbeiten mit einer Flex funkensprühend Metall. Die fabrikmäßige Produktion der Kriegsmaschinerie wird plastisch vorgeführt, der zerstörerische Aspekt der Industrialisierung, von der auch die gewaltige Halle zeugt, leitet die Aufführung spektakulär ein. Gesprochene Szenen wechseln sich mit performancehaften und choreografierten Passagen ab. Die Geschichte eines Frontsoldaten, der mit letzter Not einem Granatenangriff entflieht, trifft auf die Aussagen eines deutschen Soldaten im Afghanistaneinsatz, der "schließlich dort ist, um zu schießen". 

Parallel dazu inszeniert Anja Kolaczek Sequenzen, die sich der direkten historischen Bestimmung entziehen. Sie schafft konkrete und wuchtige Bilder etwa von einer demagogischen Rede, in der Gestus wichtiger ist als das gesprochene Wort. Die Parolen verkommen zu unartikulierten Lauten. Die Führerfigur steht vor dem Mikrofon, die Zuhörer applaudieren auf Kommando - fast schon slapstickartig. Die Kritik am Kriegsgeschehen wird energiegeladen und körperbetont, ohne subtiles Spiel inszeniert und wirkt daher in seiner Intention überdeutlich.

Ja, Krieg ist furchtbar und das bekommt man hier hochästhetisiert vorgeführt. Das bestärkt einen in einem Gemeinplatz, hinterfragt aber die eigene Positi-on kaum, da der Abend wenig Platz für eigene Interpretationen lässt. Die absolut überzeugende Leistung der Schauspieler und der großartige Soundtrack, den FM Einheit zu dem Abend beisteuert, führen dennoch zu einem intensiven Theatererlebnis. Als Schlussbild öffnet Benda das Tor und ermöglicht den Blick auf die dahinterliegende große verfallene Halle. Quasi als Ausblick auf kommende Zerstörung. Dort zünden die drei Schauspieler dann Feuerwerkskörper. Das Kinderspielzeug wird zum Zeichen für das zerstörerische und brutale Kriegsspiel der Erwachsenen. Wir können gehen und uns fürchten vor dem nächsten Krieg.

CHRISTOPH OHREM   September 2013






KriegsBlicke

Wer den Krieg selbst nicht erlebt hat, kann nicht nachvollziehen, was es bedeutet, darin verstrickt zu sein. Diese Einsicht bildet den Ausgangspunkt des zweiten Teils der Trilogie »Schönheit der Ver­gänglichkeit« des Jahresthemas »Kriegsblicke« von raum13. Die alte Fertigungshalle der KHD in Deutz bietet den perfekten Raum für die Szenenmontage, in der drei Schauspieler den Zusammenhang von Industrialisierung und Krieg, Macht und Ohnmacht, Leid und Ängsten von Tätern und Opfern erkunden. In wuchtigen Bildern und mit vollem Körpereinsatz führt die Inszenierung in gespro­chenen Passagen sowie mit performancelastigen Elementen von 1913 bis zum aktuellen Afgha­nistaneinsatz. Musiker FM-Einheit hat dazu einen mitreißenden Soundtrack gebastelt. Bisweilen wirkt die Stoßrichtung etwas überdeutlich, die inszenatorischen Mittel zu direkt-das ist das einzige, das man diesem schauspielerisch überzeugenden und hochenergetischen Abend vorwerfen könnte.

Christoph Ohrem StadtRevue Juli 2013






Pathos und Attacke

Raum13 inszeniert in Deutz „KriegsBlicke“ – Theater am Rhein 07/13

„Schönheit der Vergänglichkeit“ nennt die Gruppe raum13 ihre kleine historische Reihe, in der die Geschichte des Konzerns Klöckner Humboldt Deutz mit der Gegenwart verkoppelt wird. In dem Titel steckt nicht nur die Beschwörung des Verschwindens als ästhetischer Vorgang, sondern auch ein Ruinenbewusstsein, das aus den Trümmern die katastrophischen Zeitläufte lesbar machen möchte. Die Trümmer sind in dem Fall wörtlich zu verstehen: Das frühere KHD-Konzerngebäude, heute zum „Zentralwerk der Schönen Künste“ umbenannt, soll Folie und Gegenstand der historischen Wünschelrutengängerei sein. 

Das ändert sich nun offenbar mit dem zweiten Teil „KriegsBlicke“. Im Zentrum der Stückentwicklung von Regisseurin Anja Kolacek und Ausstatter Marc Leßle steht der 1. Weltkrieg und seine mentalen Bedingungen: In einer abgerockten langgezogenen Halle steht eine Frau am Mikro und brüllt Texte über einen Soundtrack von FM Einheit. Zwei Männer in Stiefeln, die Oberkörper nackt, machen Liegestütze und Boxbewegungen. Man schnappt sich Zuschlaghammer, Feile und Flex, produziert Industrial Noise. Sätze von Jünger, Remarque, Heym etc. schwirren durch den Raum.  Es werden Fahnen geschwungen, ein Staatsmann hält eine Rede in Fantasiesprache. Berührend, wenn das Trio in einer tänzerischen Sequenz an Truffauts Film „Jules und Jim“ erinnert, diese deutsch-französische Vorkriegs-Menage-à-troi.  

Es sind einfache, durchaus überzeugende Bilder mit großem Hang zu körperlicher Unmittelbarkeit, verbaler Attacke und Pathos, die die Atmosphäre von 1913 heraufbeschwören sollen. Und denen als Etikett Begriffe wie Industrialisierung, Langeweile, Nationalstolz, politische Verführung, Aktionismus, Körperkult anhängen.

So stimmig das ist, es geht nicht über bereits bekannte Topoi zum 1. Weltkrieg hinaus, denn eine Fokussierung auf die Geschichte des KHD-Gebäudes oder aufs Individuelle bleibt aus. Und der kritische Brückenschlag in die Gegenwart, die ebenfalls als eine Art Vorkriegssituation gedeutet wird, kommt über die Behauptung kaum hinaus. Ein paar Bemerkungen von Afghanistan-Kämpfern sollen das beglaubigen. Doch fehlt dann eine genauere Auslotung der gegenwärtigen Verhältnisse. So bleibt es bei einem kritischen, eher allgemeingültigen (Vor-)Kriegsbilderreigen.

„Schönheit der Vergänglichkeit: #2_KriegsBlicke“ von raum13 Theaterfraktion | R: Anja Kolacek | Zentralwerk der Schönen Künste | 29.6./6./12.7. 20 Uhr | www.raum13.com

HANS-CHRISTOPH ZIMMERMANN





Von der Trilogie Schönheit der Vergänglichkeit über die Zeit von der Gründung der Firma Klöckner Humboldt Deutz bis in die Jetztzeit ist Anja Kolarcek und Marc Leßle, den rührigen Theatermachern von Raum13 mit dem Mittelteil KriegsBlicke ein weiterer eindrucksvoller Wurf gelungen. Eine Collage der letzten 100 Jahre, beginnend mit dem 1. Weltkrieg, mit seiner auf Grund der technischen Entwicklung immensen Dimension, der Begeisterung über den aufkommenden Nationalsozialismus und den Krieg, den erschütternden Schrecken in den Schützengräben, dem Heute mit der Bundeswehr in Afghanistan, den psychischen Folgen bei den Soldaten und ihren Angehörigen – ein düsteres Szenario mit Gänsehaut-Effekt.

Perfekter Spielort ist wieder die lange Halle in der KHD-Industriebrache – die Zuschauer sitzen längs an der Wand – neben der ehemaligen Gießerei, zu der sich eine eiserne Schiebetür immer mal wieder öffnet und zum Schluss wieder schließt; nur als bloßer Ersatz für ein Vorhang oder als Blick in eine andere, vergangene Welt, eisern abgeschottet, die uns nicht mehr berührt? Aber immerhin wird versucht sie einzuschlagen; physisch durch Hämmern und mental als Schreibtafel „Gewalt ist das Mittel, der Wille der Zweck, aber über allem steht die Verteidigung.“ Stimmung kommt auf mit Aufbruchstimmungstexten, mit Zitaten von Christa Wolf, Ernst Jünger, Erich Maria Remarque und den Zeitzeugenberichten von Rudolf Helmich.

Denn: Krieg ist Akt der Gewalt, um dem wehrlosen Feind den eigenen Willen aufzuzwingen. Aber: Verteidigung ist kräfteschonend. Besser den Stoß des Gegners abzuwarten und dann zu reagieren. Daher: Verteidigung ist der beste Angriff.

Davon ist anfangs nicht viel zu spüren; Nikolaus Benda vom Schauspiel Köln hämmert Steine zu Staub und Asche, Anne Düe schafft mit einer Flex einen Funkenregen, und Florian Lenz zersägt Eisenketten - der Mensch als kriegerischer Zerstörer. Dazu die eigens für das Stück komponierte, stark rhythmische Musik von FM Einheit zusammen mit gebrüllten Kriegsparolen. Das ändert sich mit die NS-Größen persiflierenden Ansprachen in Dada-Manier, der Redner steht kurz vor dem Zusammenbruch, das Volk applaudiert und tanzt bis zur Erschöpfung. Mit der NS-Zeit kommt die Zufriedenheit über neue Arbeitsplätze, über die positive Entwicklung bei den Bauern und über die höhere Bildung auch für Kinder ärmerer Schichten. Und: einen Krieg wie 1914 wird es ohnehin nicht geben; und außerdem haben wir die Polen immer als schlechte Menschen angesehen. So Lenz als Zeitzeuge. Der Krieg, der die Massen berauscht; Fahnenschwinger und große Aufmärsche.

Aber es dreht sich schnell herum: Die Schilderung über die Gräuel in den Schützengräben geht tief unter die Haut, der extremen Darstellung über einen feindlichen Angriff folgt fast nahtlos der Übergang zum Krieg in Afghanistan. Man hört den Bericht eines begeisterten Soldaten und den Stolz seiner Freundin über seinen „Beruf“; dazu Stimmen aus aktuellen Ansprachen zum Krieg in Afghanistan, wo „Gerechtigkeit getan wird: Justice will be done“. Aber auch: „In Hemis ist kein Haus mehr heil“. Und: „Der Krieg ist Höhepunkt des Soldatenlebens. Obwohl dieser Krieg nur eine Beschäftigungstherapie für die Taliban ist, die sonst die Bevölkerung wieder auf ihre Seite ziehen würden.“ Jedoch ist der Soldat nach dem Krieg völlig leer im Kopf, nur noch eine dumpfe Hülle, wie Benda eindrucksvoll vorspielt.

Die Globalisierung existierte damals wie heute: Mobilisierung durch Autos, Eisenbahnen, durch wirtschaftliche Verflechtungen. Sind wir in einer ähnlichen Situation wie 1913? Die Autoren werfen die Frage auf, ob wir nicht in einem europäischen Vorkrieg leben; großflächige Auseinandersetzungen wird es nicht mehr geben, aber stattdessen viele partiell kleine Kriege, um eine Ideologie nach außen zu tragen und einen Veränderungswillen zu demonstrieren. Wenn auch Afghanistan sehr weit weg ist.

Diesem Teil der Trilogie fehlt - im Gegensatz zum schon aufgeführten Teil 3 - ein wenig die historische Beziehung zum Spielort, da bei Klöckner Humboldt Deutz keine nennenswerten kriegswichtigen Produkte hergestellt wurden. Aber als Wiege der industriellen Revolution und im historischen Kontext ist dieses klassische Antikriegsstück schon richtig an diesem Ort, denn die beiden Weltkriege waren genauso wirtschaftlich und industriell motiviert wie spätere Auseinandersetzungen.

Die Frage bleibt: Ist das Spektakel ein Traum, eine Vision, Realität, eine Warnung für unsere jungen Menschen oder nur eine spannende Rückblende für die Älteren? Können wir den Krieg vermeiden, indem wir sensibel auf „Vorkriegs-Symptome“ achten? Nutzen uns die Bundeswehr-Einsätze im Ausland wirklich?

2014 wird es den ersten Teil der Trilogie geben, die Zeit von 1869 bis 1913 mit der Erfindung von Strom und Motoren und der Mobilität des Menschen. Man darf gespannt sein.

Der Teil 3 mit einem spannenden Gang durch das Gebäude und Zeitzeugen an alten Motoren (lesen Sie mehr darüber hiergibt es am 28. Juni, zwei Tage später Teil 3 und 2 hintereinander. Details hier.






Theater in Köln

Urbanes Kunstprojekt in der Industriebrache

Die Kölner Theaterproduktion "KriegsBlicke" will Aufwühlen. Anfangs ist der Versuch, Momente deutscher und europäischer Kriegsgeschichte aufzugreifen, etwas pathetisch. Wer durchhält, wird belohnt. Von Christin Otto

Die Schauspieler Nikolaus Benda, Anne Düe und Florian Lenz (v.l.) überzeugen in der Kölner Produktion "KriegsBlicke"

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Köln 2013. Hundert Jahre trennen uns vom Vorkriegsjahr 1913. Nur hundert Jahre. Sind wir damit wirklich so weit vom berüchtigten "damals" entfernt? Hat sich überhaupt irgendetwas geändert? Und wo fängt Krieg eigentlich an? Mit diesen Fragen will die raum13-Theaterproduktion "KriegsBlicke" aktuell sein Publikum aufwühlen, zum Nachdenken anregen.

Bis sich diese Stimmung jedoch tatsächlich einstellt, ist etwas Geduld gefragt: Mit düsterem, lautem Hämmern nimmt das Stück seinen Anfang. Anne Düe krabbelt über den kalten, dreckigen Boden der Deutzer Industriebrache und ergibt sich einem Rausch obszöner Bewegungen.

Nikolaus Benda hämmert mit Inbrunst Steine zu Staub – als wolle er die Welt eigenhändig in Trümmer legen. Die Funken einer Kreissäge fliegen durch die abgedunkelte Halle. Mahnende Worte großer Dichter und Denker hallen überlappend durch den Raum. "Hasen, Krüppel, lahme Hunde seid ihr alle, wenn ihr das Herz nicht habt, etwas Großes zu wagen", wird Schiller zitiert. Das Getose, das hier auf die Bühne gebracht wird, ist groß, anfangs leider aber auch etwas zu pathetisch, zu abgehoben. 

Beklemmende Stimmung

Wer durchhält, wird jedoch belohnt. Denn als Florian Lenz mit beklemmender Emotionalität zum Erzähler der Geschichte eines Zeitzeugen wird, Anne Düe im Wahnsinn der Grausamkeit selbst wahnsinnig wird und Nikolaus Bendas Fassade des abgeklärten Bundeswehrsoldaten plötzlich bröckelt, stellt es sich doch noch ein – das Aufgewühltsein, das Nachdenken.

Mithilfe fragmentarischer Ausschnitte greift das Stück verschiedene Momente deutscher und europäischer Kriegsgeschichte auf. Dass dabei eine düstere, beklemmende Stimmung entsteht, daran hat auch FM Einheit seinen nicht unbedeutenden Anteil. Der ehemalige Schlagwerker der Einstürzenden Neubauten hat die Bühnenmusik eigens für das Stück komponiert und bringt das Grundgefühl von "KriegsBlicke" damit auf den Punkt.

Die Aufführung, bei der sich das dreiköpfige Schauspieler-Ensemble mit jeder Menge Körperlichkeit und Aktionswut an die Grenzen der eigenen Kräfte spielt, ist der inzwischen zweite Teil der Triologie "Schönheit der Vergänglichkeit".

Top-Kulisse

Einmal mehr haben die Veranstalter dafür das Verwaltungsgebäude des einstigen Weltkonzerns Klöckner-Humboldt-Deutz mit viel Aufwand und Liebe zum Detail zum Spielort umgestaltet. Passend zum Thema Vergänglichkeit rankt Moos im Innenhof des alten Fabrikgemäuers.

Das Grün holt sich dort, wo einst unzählige Menschen arbeiteten und Otto-Motoren gefertigt wurden, Schuhe und andere Reste menschlichen Daseins zurück. Eine bessere Kulisse hätte sich für "KriegsBlicke" wohl kaum finden lassen.

 






Psychedelisches Selbstfindungskonzert

In Alice´s Dinnerparty jagt die Heldin ihren splitterten Ichs hinterher

Diffuses Licht, Bässe wummern. Am Ende der Halle schimmert durch große, durchsichtige Kunst­stofflammellen ein blattloser Baum, an dem eine blonde Perü­cke baumelt; daneben steht ein Reh. Eine Frauengestalt (Lisa­Gwendolin Eichberger), ins Gegen­licht getaucht, bewegt sich wie in Zeitlupe auf das Publikum zu. Alices Fall durch das Kaninchen­loch in das merkwürdige Wunder­land erinnert hier an eine Geburt.

Schnell wird klar, dass die Geschichte der kleinen Alice mit ihrem Repertoire aus Wahnsinn, Wahrnehmungs-, Raum- und Zeit­verschiebungen, die Lewis Carroll Mitte des 19. Jahrhunderts schrieb, an diesem Abend alles andere als harmlos ausfallen wird.

Das Ein­-Personen-Stück, das rauml3 unter dem Titel »Alice's Dinnerparty« zeigt, ist als Reihe angelegt. Die Protagonistin wird im Wechsel von namhaften Musikern begleitet. Im April war es Tausendsassa FM Ein­heit, im Mai der Elektroniker Hans Nieswandt und im Juni wird es die Eklektikerin DJ Marcelle sein.

Die Geschichte der Identitäts­suche schält sich nach und nach aus eigenen Textfragmenten und Dialogen aus der Vorlage heraus. Man trifft auf die Grinsekatze oder etwa die dicke Raupe mit der Was­serpfeife. Mal übernimmt Eichber­ger die Rolle der Erzählerin, mal spielt sie die Rollen mit kleinen Handpuppen im Zwiegespräch mit sich selbst. »Alle tun immer so als ob«, beschwert sich Alice beim Publikum. »Als ob sie glücklich wären, als ob sie ehrlich wären.« Während ihrer Anklage schlägt sie wie eine Furie zum wiederkehren­den Ruf »Als ob!« martialisch auf ein großes Metallfass ein, was gehörig an die Schmerzgrenze geht. Die Musik von FM Einheit wabert dazu im Hintergrund. An anderen Stellen unterbricht der Sound die Handlung, so dass Eichberger ihren Text immer wie­der an die Stimmung der verspul­ten Elektroklänge anpassen muss. Ihr Spiel ist ausdruckstark und wird virtuos, wenn sie sich selbst auf dem Keyboard begleitet und in der Szene mit dem verrückten Hutmacher »Mad World« von Tears For Fears singt.

Diese Dynamik lässt die gut zwei Stunden wie im Flug verge­hen. Aber was ist der Abend nun: Theater, Live-Konzert, Installation? Alles. Ein gelungener Mix, der einen psychedelischen und genre­übergreifenden Blick auf Carrolls Klassiker ermöglicht. Es ist ein sperriger und doch kurzweiliger Abend, der schauspielerisch über­zeugt und musikalisch begeistert. 






Anweisungen im Traumwelt-Chaos

Alices Dinnerparty im Deutzer Zentralwerk der Schönen Künste

Die Kulisse zählt zu den ein­drucksvollsten, die man in Köln zu Gesicht bekommen kann. Eine verlassene Indust­riehalle im Halbdunkel. Nebel steigen im Inneren auf, über ei­nen zwanzig Meter langen Tisch kommt eine junge Frau aus der Tiefe des Raums. Lisa ­Gwendolin Eichberger gibt im Deutzer Zentralwerk der Schönen Künste die Alice-Ali­ces Dinnerparty", eine Produk­tion von raum13 Kolacek & Leßle, ist eine Bearbeitung des Kinderbuch-Klassikers, der aber von seinem Autor Lewis Carroll eigentlich an die Adresse von Erwachsenen ge­richtet war. Alice thront über den Köp­fen des Publikums, das mit Ge­tränken in der Hand geduldig der Performance der jungen Sängerin und Schauspielerin folgt. Das Verwirrspiel zwi­schen Sprache und Identität setzt ein, in dem Kaninchen und Katzen die grimmige Dy­namik des Nonsens einbrin­gen. Lisa-Gwendolin Eichber­ger zitiert die Prosa Carrolls, als bestünde sie aus Gedichten. Sie bittet fast verzweifelt um Hilfe: „Ich brauche Anwei­sungen", um sich im Chaos der Traumwelten zu orientieren.

Ihre Stimme und die musi­kalischen Kompositionen klin­gen wie Stationen eines Musi­cals, allerdings eines, das im Gegensatz zum Großteil die­ser Musiksparte ziemlich intel­ligente Texte bietet. Die junge Frau kann singen, sie genießt­ ihr Solo droben auf einem Me­tallgitter, zu dem alle hinauf­schauen müssen. Auf der Strecke bleibt der Hintersinn von Carroll, das boshafte Spiel der Worte und einer Materie, die außer Kon­trolle geraten ist. Auch wenn diese luzide Wendung fehlt, ge­lingt es Lisa-Gwendolin Eich­berger ihrer Alice eine schwe­bende Leichtigkeit zu verlei­hen. Manchmal muss man sich mit eigenen Augen überzeu­gen, ob sie noch steht, oder sich schon durch die Lichtnebel der unheimlich anmutenden In­dustriebrache bewegt.

Über das ganze Jahr hinweg wird die „Dinnerparty" organi­siert, zu der es Musik von Hans­Joachim Irmler und die Gele­genheit zum Tanzen gibt. Ein Spektakel, das nach überstan­dener winterlicher Kälte ein anderes Gesicht gewinnen wird und sich im Sommer zum bizarren Nacht-Event verwan­deln könnte.

120 Minuten. Nächste Vorstellungen 19. April, 17. Mai und 21. Juni, je­weils 21 Uhr. Deutz-Mülheimer Str. 147-149. Karten-Tel. 0221 / 42 32 185

Thomas Linden / Kölner Rundschau 3. April 2013






www.theaterpur.net.











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HALBZEIT-Ensemble Garage glänzt im Deutzer Zentralwerk der Schönen Künste-gleich zweimal an einem Abend präsentieren die Hausherren Anja Kolacek und Marc Leßle das Ensemble Garage. Ein solches Musiktheater jeden Monat, eine Stunde Kultur zum Zunge schnalzen,das wäre was. // Kölner Rundschau / Thomas Linden






https://soundcloud.com/raum-13/radioportrait-wdr-1-lange?in=raum-13/sets/radio






Es dröhnt, kracht und stinkt, wenn drei der im Klöckner-Humboldt-Deutz Werk hergestellten Motoren angeschmissen werden. Der Aufenthalt im Innenhof des einstigen Werkgeländes ist nur eine der Etappen auf einer Tour durch verfallene Raumwelten. Das Künstlerduo raum13 arbeitet genreübergreifend für diese Theaterperformance. In Zeitzeugenrollen schlüpfend führt Schauspieler Florian Lenz durch fensterlose Gänge, überwucherte Maschinenhallen, brüchige Treppenhäuser. Die Räume der prachtvollen Vorstandsetage sind zu einer begehbaren Installation geworden, durch die der harte Elektrosound von FM Einheit kracht: großformatige Fotos,  Videos, alte Akten und Skulpturen von Martin Kleppe machen Industriegeschichte lebendig. Unbedingt sehenswert! 






Im Foyer  des Kölner Theaters „raum13“,  dem früheren Empfangsraum des Verwaltungstraktes von Klöckner Humboldt Deutz, standen Neugierige jeglichen Alters,  staunten über begrünte Erdflecken auf alten Palettenstapeln, Relikte vom Fußboden der riesigen ehemaligen Werkshallen, Geburtsstätte der Motorisierung der Welt. Man wartete auf den Beginn der Uraufführung „Die Schönheit der Vergänglichkeit“, den ersten Teil einer Trilogie, welche die Nachkriegsjahre der Kölner Firma KHD „Klöckner Humbold Deutz“ zum Thema hat, wo noch Zeitzeugen, Material und Gebäude vorhanden sind.

Anja Kolacek und Marc Leßle, frühere Mitarbeiter des Kölner Schauspiels,  nutzen einen Teil der leer stehenden Industriebrache, um hier jungem Theater  Raum und  Bühne geben zu können. Ein sehr  löbliches, aber auch kühnes Unterfangen in der finanzgeplagten Stadt Köln.

Leitfigur zum gut anderthalbstündigen Gang durch das weitläufige Gebäude – treppauf, treppab, ein wenig mühsam für Fußkranke –  ist ein Mann im kleinkarierten Anzug aus den  50er Jahren mit einem ebenso alten Moped, der die Gruppe in den Vorraum der Produktionshallen führte, mit allerlei Werkzeug, Stechuhr, alten Karteikästen, Spinden und  einem schwarzen Brett. Es riecht intensiv nach alter Arbeitswelt. Dazu eine laute Motorenhymne, welche dann später in eine monotone Wiederholung der ersten Artikel des Grundgesetzes  über Freiheit, Gleichheit und die Würde des Menschen übergeht. Der Kontrast dazu dann in einer lang gezogenen früherer Montagehalle: ein junger Mann, der sich in einem Haufen von  alten Gummischläuchen  – offensichtlich nach getaner Arbeit – erschöpft wäscht und auszieht.  Allerlei Müll liegt herum, alte Akten in großen Containern, vergammeltes Gerät. Der Schauspieler Florian Lenz,  bereits mehrfach in raum13 aufgetreten, ist der Geist des Hauses, in einer Arbeiterrolle, als Erzähler, als Führer durch die Geschichte, als Spekulant, als Mahnender. In seinem ersten großen Monolog sinniert er darüber, ob Freiheit und Brüderlichkeit wirklich zusammenpassen. Ist der Mann eine Lichtgestalt des Ausgleichs von Menschlichkeit und Arbeitswelt?

Durch die alte Schmiede schlendert die Gruppe dann in den Innenhof; hier  knattern und stinken zwei aus den 40ern stammende  Oldtimer-Motoren um die Wette gegen ein modernes Exemplar, bedient von KHD-Pensionären im blauen Zeug, die bereitwillig über ihre frühere Arbeit Auskunft geben. Industriegeschichte zum Hören und Anfassen, steht doch bei KHD die Wiege der weltweiten  Motorisierung.

Im Hintergrund schaukeln 3 Knaben, die ebenfalls die Gruppe begleiteten, mit Luftballons in den Deutschlandfarben, Symbol der vielleicht hoffnungsvollen Jugend, ebenfalls später in eine stabile Arbeitswelt eingebettet zu werden.

Von der berichtet dann Lenz, diesmal im Anzug und in einer 50er-Jahre-Küche mit Kerze auf dem Tisch, in dem er früheren KHD-Mitarbeitern Körper und Sprache leiht und sie erzählen lässt von ihrer Geschichte und Arbeit, vom harmonischen Miteinander, vom Eingebettetsein in die Deutz-Familie, in eine stabile und menschenwürdige Arbeitswelt, wo der Chef sich persönlich um die Arbeit und das Wohl seiner Leute kümmerte. Welcher Kontrast zu heute! Großartig, wie der Schauspieler blitzschnell Klang,  Mimik, Ausstrahlung und Körperhaltung wechselt  – sogar das Kölsche ist ihm vertraut.

Über ewige Treppenhäuser und Flure geht es dann in die ehemalige Vorstandsetage, hier die  Räume noch mit hochwertigen Einbauschränken, ein Büro mit alter Schreibmaschine und riesigen Mengen zurückgelassener vergammelter Akten und Papiere; damals war noch nix mit Datenschutz. Man schlendert locker an allerlei grafisch schicken Video-Installationen vorbei, sieht alte Filme und Fotos aus der Nachkriegszeit, unseren Akteur auf großformatigen Fotos in Köln, und Szenen unserer neuen elektronischen und vergnügungssüchtigen Welt. Ob sie besser ist als damals ? Die Frage, wo wir heute gelandet sind, bleibt offen.  Eindrucksvoll eine Krankentrage mit  massenhaft elektrischen Kabeln, die sich aus der Decke winden. Wiederbelebungsversuch oder Lebenserhaltung der früheren Arbeitswelt, die im Wachkoma liegt?

Nach Texten in einer großen lichten Halle mit einem großen, an den Gral erinnernden Gefäß in der Mitte,  geht es dann zum Ausgangspunkt, mit Blick in eine riesige leere Werkshalle, wo der Akteur sich ausgiebig badet. Hat er den Schmutz der alten Zeit abgewaschen, oder die Erinnerung, oder die Zeichen der Vergänglichkeit? Ist er jetzt ein moderner neuer Mensch geworden?

Neben den Deutz-Motoren als Hauptdarstellern ist die Szene in der Küche ist der Kern des Abends. Man kann sie als eine Anklage gegen die heutige unsichere Arbeitswelt sehen, als Kontrast zur „guten alten Zeit“. Aber man muss natürlich auch bedenken, dass man schnell vergisst, was früher negativ war.

Die „Schönheit der Vergänglichkeit“ ist ein Wunschtraum oder auch nur ein Traum. Der Titel beinhaltet einen inneren Kontrast, Vergänglichkeit  bedeutet auch Verfall, Zerstörung, Hässlichkeit,  Fäulnis. Man kann die Vergänglichkeit beklagen, und vielleicht auch schönreden, aber halt nicht aufhalten. Wie wäre es denn mit „Vergänglichkeit der Schönheit?“

Der sehr vielseitige Abend brachte eine Unmenge von Details, Musik, Bildern, Videos, Texten und Aktionen, die man schwer alle behalten, geschweige denn deuten kann. Viel – zwangsläufig stehender – Applaus für die eindrucksvolle schauspielerische Leistung von Florian Lenz, für die beiden Autoren und das ganze Team.

Im Innenhof gab es dann interessante Diskussionen, Kölsch, Rotwein und Suppe für alle;  ein prima Ausklang eines für längere Zeit nachdenklich machenden Theaterabends.

Die nächsten Aufführungen siehe www.raum13.com

 

 






Wo Motoren dröhnten

Anja Kolacek und Marc Leßle beschwören „Die Schönheit der Vergänglichkeit'

,Vertrauen Sie uns", sagt der blonde Junge in kniekurzer Hose, der in einem Bauchladen die Eintrittskarten verkauft, mit verbindlichem Lächeln. Und: ,Achten Sie auf die Ves­pa. Und: doch. Kurz nach 20 Uhr ist es soweit: Ein Herr im karierten Anzug knattert auf einem grauen Roller die Deutz-Mülheimer Straße in Höhe der ehemaligen KHD­ Hauptverwaltung auf und ab und lotst das Publikum in das Innere des einstigen Werkge­ländes.Hier, wo der Ottomotor entwickelt wurde, residiert nun unter der Leitung von Anja Kolacek und Marc Leßle (raum13 Theater Fraktion Köln) das Deutzer Zentralwerk der Schönen Künste. Zur Spiel­zeiteröffnung haben raum 1Kolacek & Leßle ein Projekt konzipiert, das als erster Teil der Trilogie Schönheit der Vergänglichkeit #3-1" die In­dustriebrache zum zweiten Hauptdarsteller- neben einem glänzend aufspielendem Flori­an Lenz -macht.

In einer langgezogenen Hal­le windet sich Lenz aus einem Haufen alter Reifenmäntel, ein Traumatisierter in Gummistie­feln, der protokollarisch genau einen verfallenen Ort be­schreibt: eben jene Motoren­fabrik, um deren Sozialge­schichte zwischen Nachkriegs­zeit und Heute es gehen soll. ,Zeit zum politischen Spiel", sagt er irgendwann, während über Lautsprecher die ersten Artikel des Grundgesetzes verlesen werden.

Das Publikum durchwan­dert die Halle, vorbei an drei Jungs mit Luftballons in den deutschen Nationalfarben, um in einen Innenhof zu treten in dem drei unterschiedliche Mo­toren angeworfen werden. Ein satter Sound, der eine beein­druckende Video-Installatio­n über das Verhältnis von In­dividuum und Masse begleitet.

Dass es sich "bei dem Klei­nen um einen Motor Baujahr 1949 handelt, der einen Beton­mischer angetrieben habe, er­klärt einer der Zeitzeugen, ehemalige KHD-Beschäftigte, die sich unter das Publikum gemischt haben und sich im­mer wieder zum Gespräch an­bieten. Dazu hätte man gerne mehr Gelegenheit.

Aber das Publikum wird eher getrieben, als dass es sich treiben lassen dürfte, von einer Station zur nächsten: durch Treppenhäuser, Büroetagen, verlassene Geschäftszimmer, inszenierte Räume - durch Licht verfremdet, aber auch durch Klangcollagen bedeu­tungsvoll interpretiert (hier bisweilen ohrenbetäubende­m Lärm zu sprechen, wäre sachlich korrekt, aber künstlerisch nicht richtig). Für die Musik zeichnet FM Einheit verantwortlich, bekannt ge­worden als Schlagwerker der Einstürzenden Neubauten.

Dass bei der alle Sinne her­ausfordernden Performance die Vergänglichkeit insgesamt allzu gutmenschenhaft beklagt wird, ergibt sich aus der Sache selbst. Es gibt einen Begriff da­für: Industrieromantik. Die ist ja derzeit groß in Mode.






STILLE WARNUNG

Inszenierung des Monats : "Träume" von Günter Eich in der Regie von Benjamin Schad überzeugt durch Schlichtheit und Sprachkunst

Dieses Gebäude hat so viele Räume und Eingänge, dass man jedes Mal einen anderen betreten könnte. Diesmal geht es in der Riesenfabrik der ehemaligen Deutz AG durch einen Seiteneingang in den dunklen, schachtartigen Saal. Innen ist eine Fläche aus Europaletten aufgebaut, Steine liegen davor. Man könnte sich kaum einen Ort vorstellen, der besser zu Günter Eichs Hörspiel passt, das noch unter dem Eindruck des Krieges geschrieben ist und eine Welt in Trümmern beschreibt, die leer von Werten, Sicherheiten, Gewissheiten ist. Während das Hörspiel 1951 zum ersten Mal lief, riefen empörte Hörer an und forderten, die Ausstrahlung zu beenden. Der Text geht an die Nieren. In fünf "Träumen" und der kräftigen Sprache von Eich wird das Äußerste an Einsamkeit und Entsetzen beschrieben.

Von ganz weit her rennen die Darsteller im "Deutzer Zentralwerkder Schönen Künste" auf die Sitzreihen zu. Dann geht das Licht aus, und wir hören nur: rhythmisches Keuchen und Atmen. Viel später erst beginnen sie langsam und wohl artikuliert den Text zu sprechen.

Im ersten Traum sitzen "Uralte" in einem Güterwaggon ohne Fenster, mit ihnen Familie, die niemals das Licht gesehen haben. Als plötzlich doch ein Schimmer sichtbar wird, beschließen sie, das Loch zu verschließen- und der Zug donnert immer schneller weiter. In der völligen Dunkelheit kann man sich auf einmal ganz anders auf den Text konzentrieren. Es hat etwas von einem existentiellen Hörspiel, dem man völlig ausgeliefert ist - wie die Insassen des Waggons, der auch KZ-Transporte und absolute Ausweglosigkeit assoziiert. Die kargen Worte fallen wie Steine in Abgründe. Der Opernregisseur Benjamin Schad, der gerade den Regiepreis der Götz-Friedrich-Stiftung für die umjubelte Inszenierung von Benjamin Brittens "The Turning of The Screw" erhielt und auch im Oktober wieder an der Oper Köln inszeniert, arbeitet an diesem Abend ganz ohne Musiker und doch zutiefst musikalisch. Das Reiben der Steine, ein Schleifen der Füße auf dem Boden, Atmen: behutsame Geräusch-Illustrierung begleitet die Sequenzen.

Beim zweiten Traum, dem mit Abstand entsetzlichsten, geht das Licht wieder an. Ruhig stehen die fünf Darsteller (Dominik Breuer, Stefanie Philipps. Anne Sauvageot, Leoni Schulz, Serkan Temel) nebeneinander, sprechen (mit hoher Kunst) kühl und distanziert die Rollen: die Eltern, die das genetische Material ihres Kindes anpreisen, weil sie es verkaufen wollen. Das Kind, das zaghaft und angstvoll bei den Eltern bleiben will. Die Frau, die lauernd das Kind in die Küche lockt, wo es getötet werden soll. Ihr kranker Mann, der das Kind haben will. Der Tod des Kindes ist nur ein Seufzer, die abgetretenen Eltern schließen einfach die Augen, der Gang durch die Wohnung wird nur mit einer Augenbewegung angedeutet. Die stete Bedrohlichkeit unter den Worten entwickelt gerade so eine Wucht, weil die Schauspieler sie nicht nach-illustrieren, sondern die Figuren und Geschehnisse mit minimalen Bewegungen andeuten - und sie dennoch mit bewundernswerter Präsenz füllen.

Eich, jener zu Unrecht fast vergessene Dichter, hätte an diesem Abend wohl seine Freude gefunden. Atemlos verfolgt man einen Alptraum nach dem anderen. Die Verfolgten, die auch bei früheren Freunden keine Aufnahme mehr finden. Das Haus der glücklichen Kleinfamilie, das von Termiten zerfressen schließlich in sich zusammenfällt. Die ganze Zeit liegt ein Scharren, hergestellt von Kieseln unter Füßen, über der Szene. Was für ein treffendes Bild für eine Gesellschaft, die sich bequem eingerichtet hat auf der Basis hohler Grundmauern. "Alles, was geschieht, geht dich an" - diese Worte von Eich liegen wie ein Leitmotiv und eine Warnung über diesem stillen, schockierenden, puristischen Abend.

 






Im Foyer sprießen Moospflanzen. Ein treffenderes Symbol für "Schönheit der Vergänglichkeit" hätte sich raum13 (Anja Kolacek, Marc Leßle) kaum ausdenken können. Sie haben sie aus der düsteren Industriehalle geholt, wo einst Otto-Motoren gefertigt wurden. Dass Verfall einen nostalgisch-melancholischen Reiz entfalten kann, ist Grundthema der Uraufführung von raum13 in den spektakulären Hallen, die sie seit über einem Jahr mit Theater, Tanz und Kunst bespielen. Zu welchem Genre dieser Abend tendiert, ist nicht zu bestimmen, aber warum auch. Vor allem ist es ein Rundgang, zu dem wir von kleinen Jungs mit großen Schuhen aufgefordert werden, ein Schwarzweißfoto erzählt, wie der Innenhof aussah auf dem Höhepunkt des 1865 gegründeten Weltimperiums Deutz AG.

Im schwarzen Herzen der rund 20 Meter hohen Halle liegt ein Häuflein Mensch auf alten Reifenresten. Es ist Hauptdarsteller Florian Lenz, der zunächst - das Grundgesetz zitiert. Und Parolen der Französischen Revolution. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Doch im Kapitalismus kann Freiheit schon mal mit Brüderlichkeit kollidieren. Im Innenhof qualmen und röhren alte Otto-Motoren wie störrische Relikte aus glorreicher Vergangenheit, liebevoll in Gang gesetzt von FM Einheit ("Einstürzende Neubauten") persönlich, der auch die grandiose - und infernalisch laute - Maschinenmusik des Abends komponiert hat. Weiter geht's, Lenz spielt sich die Seele aus dem Leib. Im holzgetäfelten Nebenraum verwandelt er sich in Zeitzeugen, die hier gearbeitet haben. Zahlreich sind sie auch im Publikum vertreten und gerne bereit, Rede und Antwort zu stehen. Lenz fällt in tiefstes Kölsch, beugt sich tief zu uns, erzählt von Festen, Sorge, Solidarität - welch Zusammenhalt hat hier einst geherrscht. Krächzend singen wir "Aber der Wagen, der rollt" mit, als gehörten wir selbst dazu.

 Am beeindruckensten aber ist der kleine Maximilian Märtierer, der Erinnerungen von Herrn Voß spricht. Und dann geht's in die "Vorstandsetage", ein Gang voller Räume mit Videoinstallationen, die den Charme der Industrieromantik feiern - und das Schauspieltalent Florian Lenz, der in Großaufnahme Techno tanzt oder Treppen springt - und wie ein faunhafter Weltenwanderer in natura erscheint und verschwindet. Wir stolpern durch Räume mit dekorativen Original-Papierbergen und landen schließlich oben im weißen Salon, wo ein riesiges Taufbecken in der Mitte leuchtet und die Kapitalismus kritiksich verschärft. Wie degeneriert sind wir, dass wir uns für gottähnlich halten, mit einem Jeep vermeintliche "Freiheit" erkaufen. Doch die Gutmenschen-Appelle verhallen etwas zu wohlfeil im Raum. Interessanter wäre gewesen, die wahren Gründe für den Niedergang der Firma zu erfahren, in deren grandioser Hülle wir uns bewegen. Dieser Abend ist die Feier eines Ortes als Kunstwerk - und als solche wunderbar. Der theatralische Mehrwert ist eher begrenzt.

 






Schon die ersten eigenen Arbeiten von Anja Kolacek in Heidelberg machten durch ungewöhnliche Erzählweisen auf sich aufmerksam. Ihr Theater war und ist erotisch im allerweitesten Sinne, verankert sich dabei stets im Politischen, mehr noch im Historischen, erdet sich durch Sprache und Gesagtes, nimmt den Darsteller, ob Tänzer, Schauspieler oder Sänger ernst als eigene Person, und gelangt so, bei aller Schönheit ihrer Bilder, zu einer frappierenden Konkretheit ihrer Erzählungen auf der Bühne. Dass sie sich dabei aller Mittel der verschiedenen Sparten bedient, deren traditionellen Grenzen missachtet, macht ihre Art der Bühnenkunst so besonders. Die erlebbare Philosophie der Zeit ist zentraler Punkt des Interesses. Marc Leßle ist als Bühnenbildner und Bühnenbauer, Lichtgestalter und Beleuchter, Organisator und konzeptlicher Denker das Fundament, auf dem raum13 ruht. Bayreuth, Schauspiel Köln, Theater Heidelberg u.a. waren Stationen seiner Arbeit. Mit klarer Sprache in Raum und Lichtraum beschreibt er ästhetisch und gedanklich das Bühnenereignis in seiner ihm eigenen Handschrift. (Marc Günther)






Im Dunkeln: Benjamin Schad inszeniert Günter Eichs „Träume“

Die Industriebrache der ehemaligen Klöcknerwerke ist ein Kunstort, geworden, seit Anja Kolacek und Marc Leßle sie in das Deutzer Zentralwerk der Schönen Künste umfir­miert haben. Jetzt holten sie Benjamin Schad, der in der letzten Spielzeit. den Regie­ Preis der Götz-Friedrich-Stif­tung für seine Inszenierung von Benjamin Brittens Oper „The Turn of the Screw" ge­wann. Damals inszenierte er die Oper in der Trinitatiskir­che, nun zeigt er Günter Eichs Hörspieltexte „Träume - Alles was geschieht geht dich an" im dunklen Herzen der verlasse­nen Deutzer Industriewelt.

Durch ein Seitentor geht es hinein und dann kommen aus der Ferne der Halle fünf junge Leute angerannt. Die drei Frauen (Stefanie Phillips. Anne Sauvageot, Leoni Schulz) und zwei Männer (Dominik Breuer, Serkan Temel) sprechen Texte, die Eich 1953 schrieb, als die Trümmer noch nicht ganz fort­geräumt waren.

Kaum haben sie mit den ers­ten Dialogen begonnen, geht das Licht aus. Ein großer Teil des Abends ereignet sich im Dunkel. Schad versetzt sein Publikum in eine Hörspielsitu­ation. In der Dunkelheit gewin­nen die Worte ein anderes Ge­wicht, sie klingen nach und vor allem wird der Abgrund zwi­schen ihnen hörbar.

In der Dunkelheit liegen, nicht schlafen können, an die Eisenbahnwaggons zu denken, in denen man einmal einge­sperrt war. Oder die Familie, die in einem Verlies lebt und sich von einem Draußen er­zählt, das so lange zurück liegt, dass schon Zweifel aufkom­men, ob es überhaupt existier­te. Der Traum vom Glück, er scheint nicht mehr möglich, weil sich die Ereignisse der Jahre zuvor nicht einfach ab­streifen lassen. Ohne dass der Krieg erwähnt würde, ist er in der Dunkelheit präsent.

Welche Klarheit die Dialoge von Eich doch enthalten, wie sie Konkretes mit einem Zug zur Abstraktion verbinden. Benjamin Schad bringt dieses Potenzial mit seinen vorzüg­lich sprechenden Darstellern und seiner puristischen Insze­nierung ans Ohr, ins Bewusst­sein. Ein Kind wird von seinen Eltern verkauft. Ein Plan, dem es zaghaft zu entgehen sucht. Gespielt wird die Szene von Er­wachsenen und auf faszinie­renden Weise funktionieren Verfremdung, Realismus und eine Art absurder Komik. Stets sind die Szenen in familiärem Milieu angesiedelt und stets kommt eine Gnadenlosigkeit zum Ausdruck, die in ihrer Schlichtheit zeigt. Es gibt keine Heimat mehr, es existiert kein Ort, an dem man sich aufgeho­ben fühlen könnte.

Die Inszenierung sucht nicht die vorschnelle Aktuali­sierung, gerade deshalb steigt die Ahnung auf, dass Europa wieder vor einer Katastrophe stehen könnte, die alle Werte in Frage stellt. Ein starkes Erleb­nis, in diesem Industriekorri­dor zu sitzen und zu erleben, wie jemand eine innere Welt aus Trümmern beschreibt.






Deutsche Industriege­schichte wurde in Köln auf dem Terrain zwischen Deutz und Mülheim geschrieben. Der Ot­to-Motor-Kernstück des Auto­mobils - erblickte hier das Licht der Welt und bis vor eini­gen Jahren baute man neben­an die Wuppertaler Schwebebahn. Nun befindet sich hier seit einem Jahr „raum13 Deut­zer Zentralwerk der Schönen Künste". Ein pompöser Name für eine vorläufige Nutzung in einem verlassenen Bürotrakt mit unzähligen Räumen. Aber Anja Kolacek und Marc Leßle verfügen über genau jenen Schuss Ironie, der für clevere Kulturnomaden unerlässlich ist.

Ausstellungen, Tanz und Theater wurden mit Künstlern aus NRW, aber auch aus Leipzig und Hamburg realisiert. „Eine Welle von Anfragen ist über uns hereingebrochen. Erst all­mählich konnten wir eine Struktur entwickeln, um der Nachfrage Herr zu werden", erklärt Anja Kolacek lachend.

„Das Zentralwerk ist ja auch nicht als Spielort, sondern als Kunstprojekt angelegt, das sich mit gesellschaftlichem Wandel beschäftigt. Zum Bei­spiel mit der Frage nach dem Wert der Arbeit oder der Ver­gänglichkeit des Geschaffenen in unserer sich virtuell immer schneller drehenden Welt", er­klärt Marc Leßle.

Die Aktivitä­ten der beiden, zu denen etwa 2010 die Belebung des geplan­ten Tanzhauses in Mülheim zählten, firmieren unter dem Namen „raum13°. „Zwischen­räume nutzen, um sie in Kunst zu verwandeln", lautet die De­vise.

Gigantische Industriebrache

Die Nutzung des Geländes an der Deutz-Mülheimer Stra­ße 147 - 149 wird ein Ende fin­den, wenn die Investoren der gigantischen Industriebrache eine Verwendung für das Areal ins Auge fassen. „Ein neuer Stadtteil wird entstehen", sagt Leßle. Und mit Zukunftsvisio­nen beschäftigten sich auch die nächste Produktion „Working Class Zero" (23. Juni 19 und 20 Uhr) des Theater dreizehnter­januar aus Wien". Regisseurin Fanny Brunner beschreibt, wie eine Gesellschaft mit dem Ver­lust der Arbeit von innen her­aus zerfällt. Am 28. Juni kommt Benjamin Schad mit „Träume", einem Skandaltext von Günter Eich, der sich mit dem Deut­schen Trauma beschäftigt.

Das Kunstprojekt der bei­den lässt sich gut an, auch wenn es hier nicht kuschelig ist, besitzen die Nachbarn doch viel Offenheit für unsere Pro­jekte", erklärt Anja Kolacek und das gegenüberliegende Hotel New Yorker leistet Hilfe bei der Unterbringung der Theatergäste. Von der Stadt Köln erwartet man vor allem Amtshilfe. „Geld ist nicht al­les", sagt Leßle. Eine Erfahrung des letzten Jahres war für ihn, dass die Verbindungen inner­halb der Stadt besser geknüpft werden könnten". Vor allem wird es auf diesem Areal je­doch darauf ankommen, „die Wirtschaft wieder in den Kul­turbetrieb zu bekommen", meint er, denn hier liegt ein Stück Zukunft für Köln.

Für die Produktion "Schön­heit der Vergänglichkeit", die im September Premiere hat, suchen die beiden ehemalige Mitarbeiter des einstigen Welt­konzerns der KHD-Werke. In­teressierte können sich unter 0221/ 42 32 185 melden.






Im Juni 2011 haben Anja Ko­lacek und Marc Leßle, die künstle­rischen Leiter der Gruppe raum13, das »Deutzer Zentralwerk der Schönen Künste« (DZK) eröffnet. Seitdem vergeht kaum ein Monat, in dem nicht etwas Neues aus dem DZK auf der Deutz- Mülheimer Straße zwischen Zoo- und Mül­heimer Brücke drängte. Früher gehörte die Halle zu den Werken des Motorenherstellers Klöckner ­Humboldt-Deutz (KHD), jetzt versteht sie sich als Kunstfabrik.

StadtRevue: Ihr bespielt den Ort seit rund zehn Monaten. Wie hat er sich entwickelt?

Marc Leßle: Als wir 2010 zum ersten Mal in die Hallen der alten KHD-Werke getreten sind und im Chaos von altem Gerümpel, Deckenputz und Feuerlöschpul­ver kaum den Boden sehen konn­ten, da haben wir uns schon ge­fragt, was für einen Klotz wir uns ans Bein gebunden haben. Aber jetzt, wo alles entrümpelt, mit Wasser und Strom versorgt ist und rund 5.000 Quadratmeter dieses Geländes renoviert und be­spielbar sind, können wir endlich das machen, wozu wir hier hin ge­kommen sind: Kunst.

Anja Kolacek: Wir arbeiten kon­tinuierlich an der Idee, Strukturen für spartenübergreifende Kunst zu schaffen und ein Netzwerk auf­zubauen. Mit unseren Reihen, Festivals, Eigenproduktionen, Gastspielen und Ausstellungen haben wir seit Juni dafür einen guten Grundstein gelegt.

Wie kann man sich die Arbeit in einer „freien Kunstschmiede“, wie ihr das DZK nennt, im Gegensatz zu einem herkömmlichen Theaterbetrieb vorstellen?

ML: Hier muss man sich nicht nur das Bühnenbild, sondern zu­erst das ganze Theater bauen. (lacht) Doch das Schöne ist: Man kann sich ein Theater bauen, in dem man auch spielen will!

AK: Jeder Künstler, der im DZK inszeniert, ist Teil eines Ganzen. Er gibt Impulse, muss aber auch offen sein für andere Kunstformen und Ideen. Im Vordergrund steht immer der Mensch, nicht das Ge­bäude. Wir wollen weder ein Theater- noch ein Tanzhaus er­öffnen, sondern diese Räume, die uns von dem Investor zur Zwi­schennutzung zur Verfügung ge­stellt wurden, als Künstler- und Kreativzentrum nutzen.

Was heißt Zwischennutzung?

ML: Der Investor kam auf uns zu und fragte, ob wir die Räume für unsere Projekte haben wollten. Er ist daran interessiert, dass es sinn­voll genutzt wird, bis er es in etwa drei bis vier Jahren rekommerzialisieren will. Das gibt uns eine große künstlerische Freiheit, birgt aber auch Schwierigkeiten.

Welche Schwierigkeiten sind das?

AK: Als derzeitige Betreiber haben wir eine immense Verantwortung für das Gelände, sind Intendanten, Hausmeister, Theatermacher und Schlüsselhalter. Glücklicherweise arbeiten wir mit Menschen, denen wir vertrauen und auf die wir uns verlassen können. Außerdem er­halten wir für die in diesem Jahr geplanten zwölf Produktionen von der RheinEnergieStiftung 20.000 Euro an Fördermitteln für eine Abteilung, die uns in administra­tiven Aufgaben unterstützen soll.

Wie kann man mit den wenigen Mitteln einen solchen Großbetrieb am laufen halten?

ML: Um das Haus betriebsfähig zu machen, waren viel Arbeits­kraft, Eigenkapital und vor allem Freunde unabdingbar, die uns in unserer Idee unterstützt haben. Eine große Hilfe beim Aufbau des technischen Apparats war der Technikpool der Stadt. In diesem Jahr werden wir außer­dem durch 40.000 Euro Investi­tionsförderung für unsere tech­nische Grundausstattung vom Landschaftsverband Rheinland unterstützt. Letztlich geht es immer darum, ein Kreativ­zentrum für zeitgenössische Kunst zu entwickeln. Daran glauben wir, und dafür arbeiten wir. Leider sind die Haushalte von Stadt und Land für 2012 noch nicht sicher - und damit auch unsere zusätzlichen Pro­jektmittel und die unserer Künst­ler nicht. Aber ohne öffentliche Gelder ist dieses Projekt nicht realisierbar.

Ihr gestaltet schon seit Jahren maßgeblich die Kölner Tanz und Theaterlandschaft mit. Neben dem Tanzhaus Köln Interim habt ihr „Alleswastanz“ geschaffen und einen sogenannten „Tanzgipfel“.

Was wird der daraus entstandene „Stückemarkt“ Ende März zeigen?

ML: Aus dem dritten Tanzgipfel 2011 haben wir drei junge Künst­ler bzw. Gruppen ausgewählt, an die wir Residenzen vergeben, mit denen wir enger zusammenarbei­ten, und die wir so als Nachwuchs unterstützen wollen. Der Stücke­markt stellt vier Projektarbeiten aus ganz Deutschland vor: »Spec­tators Only« von David Pollmann, »Big Bodies« von der compognie mintrotundschwarz , »Shades of Gray« vom Brachlandensemble und unsere eigene raum13-Pro­duktion »Substanzen«.

Warum habt ihr gerade diese Gruppen ausgewählt?

AK: Die Konzepte dieser Künst­ler passen sehr gut zu der Grun­didee des DZK. Kunst sollte aus einem Polilog verschiedener Rich­tungen entstehen. David Poll­mann ist bildender Künstler und wird eine Installation aus Video und Tanz zeigen. Oft ist auch eine originelle Erzählstruktur ausschlaggebend. mintrotund­schwarz nähern sich ihren The­men durch eine sehr experimen­telle, dennoch narrative und nicht selten humorvolle Art des Tanzes. Das Brachlandensemble macht spartenübergreifende und inter­aktive Bewegungskunst. Wichtig ist uns außerdem, dass sich die Perfomances mit den leeren Fa­brikhallen und den vielen Büroräu­men auseinandersetzen, in denen früher so viel Leben stattfand. Sie sollen sich die Magie des Ortes zu eigen machen.

Wann wird es eine neue Produktion von Euch selber geben?

AK: Im September zeigen wir un­sere Projekt- und Recherchear­beit »Schönheit der Vergänglich­keit«. Da wird es auch um unser Gebäude gehen, um die Um­wandlung von Industrieräumen.

Interview: Romy Weimann






Im letzten Juni wurde es aus der Taufe gehoben, in einem regelrechten Kraftakt: in wenigen Monaten hatten Anja Kolacek und Marc Leßle von „raum13“ aus einer völlig verfallenen Fabrik der Deutz AG, die sie für mehrere Jahre zwischennutzen können, einen inspirierenden Kunstort über drei Stockwerke geschaffen und es vollmundig „Deutzer Zentralwerk der schönen Künste“ getauft. „Wir haben es so genannt, weil wir vor allem eins sein wollten: interdisziplinär. Wir wollen uns nicht länger auf eine Kunstform festlegen, sondern mit Wechselwirkungen zwischen Theater, Bildender Kunst, Musik und Tanz arbeiten“, sagt Anja Kolacek. Wo sich vorher endlose Gangfluchten mit zerborstenen Scheiben, kaputtem Holzmobiliar, herunterhängenden Deckenplatten und Müll aneinanderreihten, kann man heute zwar immer noch den rauen Charme einer heruntergekommenen Fabrik entdecken.

4000 m2, die geradezu danach rufen, künstlerisch genutzt zu werden.

Aber vor allen Dingen gibt es nun: Verwunschene Orte, einen Innenhof, eine dunkle Industriehalle, Bühnen in jeder Größe, die geradezu danach rufen, künstlerisch genutzt zu werden. Es gibt aber auch, dank „raum13“: Eine Bar, eine Küche, ein gigantisches, wunderschönes Treppenhaus, renovierte Probenräume. Und keine Heizung, was jetzt im Winter manche Bewährungsprobe erfordert. „Wir spüren das schon gar nicht mehr“, versichern Marc Leßle und Anja Kolacek tapfer. Das Gebäude ist mittlerweile fast zu schön, um wahr zu sein, gerade durch den unfertigen Charme. Ganze 5000 Euro hatte raum13 von der Stadt bekommen, als „Investitionskostenzuschuss“, alle restlichen Kosten des über 4000 m2 (!) großen Gebäudes, eine Seltenheit in Köln, werden momentan privat von den beiden getragen– und von einigen wenigen Projektmitteln. Die Zukunft sieht etwas rosiger aus, denn immerhin hat dieRheinEnergie Stiftung Kultur für das Jahr 2012 20.000Euro für Werbung und Öffentlichkeitsarbeit bewilligt, und der Landschaftsverband Rheinland 40.000 Euro für die Grundausstattung.

Was im Sommer noch mit dem Schwerpunkt Tanz begann, hat sich mittlerweile längst auch anderen Kunstsparten geöffnet. Soeben fand ein wochenlanges Mini-Theaterfestival hier statt, mit kleinen, aber feinen Theatergastspielen aus Gießen, Wien oder sogar vom Schauspielhaus Hamburg, ermöglicht durch Kontakte von raum13. Ob das nun „Eichmann“ im Flur in der zweiten „Vorstands“-Etage war, oder der Monolog „Hosianna“ in einem holzgetäfelten Raum neben dem Eingang. Die Uraufführung von „Substanzen“, eine skurrile Grenzüberschreitung zwischen Schauspiel und Tanz über den Miss- und Gebrauch von Drogen, wird im weiß verkleideten und abgedunkelten Studio im dritten Stock gezeigt. Die Uraufführung von „Substanzen“ ist eine skurrile Grenzüberschreitung.

„Mittlerweile können wir uns vor Leuten kaum retten, die hier arbeiten wollen“

Wichtig ist Kolacek und Leßle vor allem, hier nicht nur ein Podium für eigene Produktionen zu schaffen, sondern ein großes Netzwerk von Künstlern „wie ein Schneeballsystem“ zu erweitern. Soeben haben sie deshalb ihr Format „Suppenküche“ wieder aufgelegt, eine Idee noch aus der Zeit, als sie das „Tanzhaus Interim“ leiteten. Jeden ersten Sonntag im Monat bei warmer Suppe – die in den Räumen auch bitter nötig ist – treffen sich Künstler zum Austausch über ihre Projekte, vernetzen sich, holen sich Inspiration, tun sich zusammen. „Mittlerweile können wir uns vor Leuten kaum retten, die hier arbeiten wollen“, erzählt Anja Kolacek. Es gibt Koproduktionsanfragen bis hin zum Schauspielhaus Hamburg und eine lange Liste von Projekten, die beim Kulturamt beantragt sind. Der Regisseur Benjamin Schad, der für seine umjubelte Inszenierung „The Turning of The Screw“ an der Kölner Oper gerade den Götz Friedrich Preis erhielt, wird hier den Günter-Eich-Abend „Träume“ gestalten – auch wenn die Gelder dafür zur Zeit auf Eis liegen. „Ich mag die Patina dieses Ortes“, erzählt Schad, „sie passt exakt zu dem Dichter, der jetzt auch schon seit vielen Jahren verschütt gegangen ist. Man kann in diesen Räumen unglaublich viel ausprobieren“. Beantragt sind aber auch Kooperationen mit dem Theaterhaus Jena oder der „Kaderschmiede“ für freie Regisseure,dem Studiengang Angewandte Theaterwissenschaft Gießen, die bekannte Schauspielerin Anne Tismer sollkommen, auch Koproduktionen mit dem Zentrum für aktuelle Musik sind geplant. Raum13 selbst beschäftigen sich künstlerisch gerade mit der historischen Aufarbeitung der Geschichte der Deutz AG, die 1911 noch 30 000 Beschäftigte hatte und 2006 pleite ging.

Der „Alleswastanzt-Stückemarkt“ zeigt die Ergebnisse der „Künstlerresidenzen“

Erstmals haben sie auch so genannte „Künstlerresidenzen“ vergeben. Auch wenn das Wohnen und Schlafen im Deutzer Zentralwerk im Winter eher schwierig erscheint, geben sie unter diesem Motto drei Künstlern technische und kreative Unterstützung bei einem abendfüllenden Projekt– und präsentieren unter dem Namen „Alleswastanzt-Stückemarkt“ im März die Ergebnisse. Darunter etwa ist der junge Folkwang-Absolvent David Pollmann, der in seiner Arbeit Bildende Kunst, Performance, Installation, Video und Tanz verbindet. Seine Arbeit „passing lines“ bewegt sich zwischen Installation und Performance und wird bald auch im Tanzhaus NRW in Düsseldorf ausgestellt: Drahtskulpturen werden durch einen Tänzer bewegt und ergänzen die Bewegungen. Pollmann beschäftigt die Frage: Wie wirkt Kunst auf den Betrachter, wenn sie nicht im Museum ausgestellt wird? Mit der Schauspielerin von Substanzen, Kathrin Wankelmuth, plant Pollmann im Deutzer Zentralwerk auch sein nächstes Projekt „spectators only“: mit einer Kamera kann man sich 12 Minuten lang mit dem eigenen und einem fremden Videobild konfrontieren – eine Art voyeuristischer Meditation. Aber auch zwei Tanzkompanien nutzen die „Residenz“ in Köln: Die Kompanie „mintrotundschwarz“ aus Leipzig erarbeitet mit der hoffnungsvollen jungen israelisch-Kölner Choreografin Reut Shemesh mit „Big Bodies“ einen Abend über die Grenzen unseres Körpers, wo mit einem „Flex-Fit-System“ seine Haltbarkeit getestet wird. In „Shades of Grey“ untersucht das Brachlandensemble, wie empathisch Menschen sind – und fordern den Zuschauer zum „Reak“-Tanz auf.

„Wir haben einfach Lust, für Köln einen interessanten Ort für Kunst zu schaffen"

Die einzigen, zu denen raum13 nach wie vor kaum Kontakt hat, ist ein großer Teil der Tanzszene, jene, die damals auch das von raum13 gestaltete Tanzhaus in einer Fabrikhalle in Mülheim „boykottierten“. Immer noch wird da verächtlich von „Gebrauchtwarenladen“ gemurmelt und von „Selbstverwirklichung“. Anja Kolacek und Marc Leßle zucken, wenn man sie damit konfrontiert, müde mit den Achseln, „Wir haben einfach Lust, für Köln einen interessanten Ort für Kunst zu schaffen, den es so nirgendwo gibt, wir haben keine Zeit, uns mit irgendwelchen Befindlichkeiten zu beschäftigen“. Allerdings hat man das Gefühl, dass sie bewusst wegkommen wollen von dem Image, das Deutzer Zentralwerk sei ein reiner Tanz-Ort und den Schwerpunkt verstärkt auf Kunst, Musik und Theater legen.

Auch als Party-Veranstaltungsort wäre das wundersame Gebäude sicher geeignet, aber Kolacek und Leßle scheuen sich bislang – bis auf vereinzelte Vermietungen an Graphik-Designer oder Filmproduktionen – es außerhalb der Kunst zu nutzen, auch wenn sie das Geld sehr nötig hätten. Was würde das jedoch besser wettmachen als ihre geradezu grenzenlos wirkende Energie.

DOROTHEA MARCUS

TERMINE IM MÄRZ: DEUTZER ZENTRALWERK DER SCHÖNEN KÜNSTE,„SPECTATORS ONLY“, 22. 3., 19:30 ERÖFFNUNG, DAVID POLLMANNAUS ESSEN/MUSEUM FOLKWANG/RAUM13, 22.3. BIG BODIES / COMPAGNIEMINTROTUNDSCHWARZ AUS LEIPZIG / LOFFT LEIPZIG / RAUM13,23. 3., 20:00 UHR SUBSTANZEN, RAUM13, 24. 3., 20 UHR SHADES GREY // URAUFFÜHRUNG VOM BRACHLANDENSEMBLE / RAUM13

 









RAUM13 ZU STUDI054

„Substanzen", Uraufführung von raum13 im Deutzer Zentralwerk der Schönen Künste, ist eine stilvolle Untersuchung des Rauschs, die die verheerende Wirkung medial und künstlich erschaffener Ikonen und Ideale auslotet.
Tragisch ist die Geschichte von Odette, dem Schwanenmädchen aus Tschaikowskys „Schwanensee", das an ihr dunkles Ebenbild nicht nur ihre Liebe, sondern auch sich selbst verliert. Tschaikowskis berühmte Melodie klingelt aus einer kindlichen Primaballerina-Spieluhr auf dem weißkahlen Bühnenboden. Außerdem sind eine Trommel, zwei silberne Taschen, ein Eisbärenfellteppich und eine Kleiderstange mit Tutus und Glitzerklamotten in den Raum gestreut. Hinter einer Glasfront toben sich die Darsteller Kathrin Wankelmuth und Florian Lenz aus wie in einem übergroßen Kinderzimmer: Probieren Kleider und Perücken an, hüpfen zu Musik von Zweiraumwohnung und lachen über Sätze wie: Werd endlich mal erwachsen! Doch entpuppt sich die kindliche Leichtigkeit bald als überdosierter Rauschzustand. Lasziv räkeln und schminken sie sich vor einer Kamera, deren Bilder mal live, mal irritierend voraufgezeichnet auf eine große Leinwand projiziert werden. Das ergibt spannende Momente. Nach einer Stunde bunten Treibens stellt man fest: Unterhaltsam! Aber was nun? Und da passiert es: Die Gestylten treten Sekt schlürfend und besoffen hinter der Glasscheibe hervor. Arrogant poltrig entschuldigen sie sich für die Verspätung, aber schließlich stünden sie über der Zeit. Ständiger Begleiter ist das Mikrofon, das schon zuvor jedes Geräusch auch für den Zuschauerraum hörbar machte, es duplizierte und nachhallte. Doch nicht nur die kluge Verwendung der entfremdenden Medien macht deutlich, worum es bei „Substanzen" geht: Nicht allein um halluzinogene Drogen, sondern vor allem um Künstlichkeit. Da wird der Rotkäppchen-Sekt zu Champagner, Marlboros zu dekadenten Sobranie-Zigaretten und Menschen zu „Dekopuppen". Dass hier mehr Schein als Sein Bestand hat, wird den Ausgenüchterten schmerzlich bewusst, als sie auf dem Boden krabbelnd nach sich selbst suchen und panisch feststellen: „Ich bin ja gar nicht!"
Nach der Pause zeigen die Schauspieler zu Joy Division, Violent Femmes und The Velvet Underground ihre professionelle Tänzervergangenheit. Extatisch wild, fast in Trance werfen sie mit ihren Gliedmaßen um sich, verbiegen und wälzen sich auf dem Boden, geben sich mit Märchen-Zitaten dem Realitätsverlust hin - die Schwelle zur unglücklichen Vereinsamung ist nicht weit. Immer wieder begleitet das Schwanenlied die derangierte Ballerina, die im wahrsten Sinne Kopf steht und immer wieder ineinander fällt. Zwischen Liebeswillen und rauschhafter Leidenschaft sind die beiden Darsteller Kunstfiguren, Hüllen ohne Inhalt. Die Inszenierung von Anja Kolacek und Marc Leßle beackert hier zwar ein oft bemühtes Themenfeld, wird aber nicht zu plakativ. Ohne viele Worte, bildhaft und bewegt verkörpern die charismatischen Darsteller junge Menschen, die dem Leistungsdruck erliegen und sich in Fantasiewelten flüchten. Wenn Lenz dann einlädt: „Komm mit nach Alice. Ich bringe uns ins Wunderland",möchte man selber mit.









EICHMANN UND PORNO

Wo früher in der Deutz AG Motoren gebaut wurden, treffen sich heute unter der Regie von raum13 Künstler verschiedener Richtungen. Zur Zeit findet im „Deutzer Zentralwerk der schönen Künste" für zwei Monate ein spannender Theaterschwerpunkt statt.
Kalt wie die Luft im leeren Bürotrakt der Deutz AG ist die Atmosphäre. Im langen Flur ist neben Gasöfen, die flackernd etwas Wärme abgeben, das grelle Neonlicht des Treppenhauses einzige Lichtquelle. Ein offener Teil des Korridors ist die Bühne, schon aus der Ferne dröhnen Boxen. Zu hören sind Tonbänder vom Eichmann-Prozess 1961. Regisseurin Anja Kolacek lotet in ihrem Stück „Eichmann" vor der beklemmenden Kulisse alter Büroräume die Möglichkeiten aus, sich dem Schreibtischtäter und „Manager des Todes" Eichmann zu nähern. Zwei Details machen diese Auseinandersetzung besonders spannend: Zum einen sind Quellen Grundlage für den Theatertext. Das Springen zwischen Eichmann-Verhören 1960 in israelischer Haft, Interviews und seinen Memoiren offenbart vor allem eines: Eichmann, der für die Deportation von mehr als fünf Millionen Juden verantwortlich war, war gut im Verdrängen. „Ich saß am Schreibtisch, machte meine Sachen. Ich habe nie selbst, immer nur im Auftrag entschieden." Zum anderen stellt der Schauspieler Florian Lenz für das Portrait eines Massenmörders eine interessante Reibung dar. In Shirt, Strickjacke, Jeans und ohne Schuhe mimt er rauchend und auf einem leder-goldknöpfigen Zweisitzer liegend den angetrunkenen Eichmann. Der charismatische 27-Jährige mit asymmetrischer Frisur schafft es, hinter dem kalten Wesen Eichmanns auch die sensible Weinerlichkeit der heutigen Generation vorscheinen zu lassen. So schreit und weint er am Ende Eichmanns Verteidigung vor Gericht aus sich heraus, als wäre er Richter, Täter und Opfer in einer Person. Nach beklommener Stille dann großer Applaus.

So verstörend dieser Abend, so provozierend der andere. Handschellen, Peitsche, Phallus-Luftballons, formähnliche Gemüse, ein Glas Milch - dies ist nichts für Verklemmte. Im Wiener Gastspiel von Regisseurin Fanny Brunner „Pornorama - Ein Männermärchen" demonstriert Karen Köhler pornografische Praktiken am eigenen Leib. Mit ihrer Assistentin, die braune Gummipuppe Lulu, und einer Zucchini stellt sie Szenen nach, erläutert Unterschiede sexueller Erregung bei Mann und Frau, reicht Bananen, Brusthaartoupets und Porno-DVDs als Anschauungsmaterial herum. Doch ihre „Lecture-Performance" öffnet auch den Blick für die Abgründe. Mit Fakten über die größte Industrie der Welt weiß sie das verlegene Kichern jäh zu unterbinden. Ein jährlicher Umsatz von 97 Mrd. US-Dollar und 8 von 10 Internet-Klicks gehen an die Pornoindustrie. Das überleben nur wenige - über eine Leinwand läuft ein nicht enden wollender Film mit Bildern jung verstorbener Pornodarsteller, deren Durchschnittsalter gerade mal 37 beträgt. Köhler begegnet der Absurdität der Branche mal mit Witz, mal mit Unverständnis oder Verzweiflung: „Wie soll man Extreme noch steigern? Da bleibt doch nur Gewalt!" Bittere Erkenntnisse wie diese wirken in komödiantischer Atmosphäre umso härter. Die Hamburgerin stöckelt mit roten Pumps, pinker Strumpfhose und Selbstironie um ihr Sex-Toy-Sammelsurium herum und ist fantastisch hemmungslos.

AKT // ROMY WEIMANN TERMINE IM JANUAR: DEUTZER ZENTRALWERK, EICHMANN, 28.






Raum für Kultur - „Ich gebe dir Platz, du machst was draus.“
Eins ist bei raum13 schon immer klar: „Wir wollen Berührungspunkte schaffen – Orte an denen sich die Akteure direkt über den Weg laufen.“ Das sagt Anja Kolacek inmitten von Baumaterial im neuen „Deutzer Zentralwerk der Schönen Künste“. Eins an dem Namen ist auch sofort klar: „Deutzer Zentralwerk“ steht nicht etwa für einen rechtsrheinischen Höhenflug angehaucht von sozialistischer Planwirtschaft. Vielmehr nimmt dieser protzige Name konkret Bezug auf die neuen Räumlichkeiten, die die beiden Gesichter hinter „raum13“ seit diesem Jahr „zwischennutzen“. Immerhin haben Anja Kolacek und ihr langjähriger Mitstreiter Marc Leßle den gesamten ehemaligen Hauptverwaltungskomplex der KHD zur Verfügung bekommen, um den ungenutzten Orten neues Leben einzuhauchen. KHD heißt Klöckner-Humboldt-Deutz, wird auch heute noch als die „Wiege der Weltmotorisierung“ bezeichnet und umfasst im Endeffekt alle alten Gebäude zwischen Deutz und Mülheim, parallel zu Rhein, Jugendpark und Mülheimer Hafen. Kurz: Ein riesiges Gelände, das Anfang 2007 endgültig zum wirtschaftlichen Erliegen kam und auf weiten Flächen schon längere Zeit auf seine Wiederauferstehung wartet. Diese beeindruckende größte Brachlandschaft in Köln mit ihren zahlreichen Baudenkmälern erlebt nun in ihrem ehemaligen Herzstück mit dem Engagement von raum13 eine neue Blüte.
Anja und Marc sind bereits erprobt darin, einen großen Gebäudekomplex für eine bestimmte Zeit „zwischenzunutzen“. Das „Kölner Tanzhaus“ in Mülheim war ihr Interimsprojekt bis Mitte 2010 und bis dahin ein großer Erfolg. Im Auftrag der Stadt bespielten die beiden und viele Unterstützer ein Jahr lang zwei Hallen an der Schanzenstraße und hatten nicht nur beim Tanzgipfel „alles was tanzt“ ein beachtliches Publikum.
Mit dem neuen Projekt besinnen sich die beiden nun zurück auf ihre Ursprünge. „Wir bringen junge Kunst an ungewöhnliche Orte, bringen kreative Menschen zusammen und kreieren so nicht selten etwas ganz Neues“, fasst die ausgebildete Tänzerin und Tanzpädagogin, Choreographin und Theaterregisseurin zusammen. Dabei ist gerade das Interdisziplinäre, „alles in einen Einklang zu bringen“, ihr ehrgeiziges Anliegen. Marc, der als Bühnenbildner und Bühnenbauer, Lichtgestalter und Beleuchter nicht nur das technische Wissen einbringt, hält dagegen auch stets neue Konzepte und Perspektiven für raum13 parat. Die vielfältigen Räumlichkeiten des Deutz-Mülheimer „Gebäudemonsters“ (streng genommen gehört das Gebäude schon zum Stadtteil Mülheim) lassen gerade viel Spielraum für neue Ansätze. „Experimentelle, aber auch politische Kunst, jenseits jeglicher Grenzen bieten sich hier geradezu an. Wir werden unsere Idee hier eine echte Plattform und Schnittstelle für Kultur aller Arten zu etablieren weiter vorantreiben.“
Ab dem 17. September wird sich „Das Deutzer Zentralwerk der Schönen Künste“ einer noch breiteren Öffentlichkeit präsentieren. Dann beginnt mit dem insgesamt schon dritten Kölner Tanzgipfel „alles was tanzt“ die Spielzeit 2011/2012. Und auch hier gilt: „Ich gebe dir Platz, du machst was draus.“ Aus einem ehemaligen Verwaltungsschlauch wird beispielsweise eine Spielwiese so ziemlich aller Tanzarten der Welt. Auf einem riesigen Konferenztisch – aus Holz und von solcher Dimension, dass man die Bonsen des ehemaligen Weltkonzerns noch förmlich ihren Kaffee aus hochwertigen Porzellan-Bechern schlürfen sehen kann – wird neben Plattentellern weiteres DJ-Equipment ausgebreitet. Ein anderer Raum besticht nur noch durch „Leere“ und ein oder zwei Spinte. „Dort noch einen Spiegel hin und dort drüben die Lichtinstallation und fertig ist die nächste Bühne“, grinst Marc. Warum er grinst?
raum 13 und null22eins haben etwas gemeinsam: Wir schaffen die Bühne für Dinge, die zum größten Teil eh schon existieren, nur noch nicht wahrgenommen werden. null22eins versteht sich selbst als Bühne dafür – in gedruckter Form, für eine breite Masse Kölner. raum13 nimmt das Ganze, zumindest vom Namen her, etwas wörtlicher: Anja und Marc machen „Raum“ zur Bühne.






Junge Künstler in die Fabrik // Choises // Hans-Christoph Zimmermann // Juli 2011

Ein Gespräch mit Anja Kolacek und Marc Leßle von raum13 über den Produktionsraum „Deutzer Zentralwerk der Schönen Künste"

Der Name KHD oder Klöckner-Humboldt-Deutz AG gehört wie Ford zu den großen imagebildenden Industrieunternehmen in Köln. Der 1864 gegründete Motorenhersteller hat mehr als 140 Jahre die Stadtteile Deutz und Mülheim geprägt, wo neben Motoren auch LKWs, Lokomotiven, Omnibusse oder Landmaschinen gebaut wurden. 2007 verließ KHD seinen Stammsitz und siedelte nach Köln-Eil über. Seit dem stehen Verwaltungsgebäude und Produktionsstätten an der Deutz-Mülheimer Straße leer. Seit März 2011 haben sich Anja Kolacek und Marc Leßle mit ihrem Label raum13 in dem gewaltigen Komplex eingemietet und richten Räume sowie Spielstätten für die freie Szene her.

choises: Wie bedeutet der Name „Deutzer Zentralwerk der Schönen Künste“?

Kolacek: Wir wollen darauf hinweisen, dass hier Motoren gebaut wurden, außerdem wollten im Namen den Bezug zum Stadtviertel drin haben. Die Gruppe Raum 13 arbeitet seit Jahren spartenübergreifend. Unser Traum ist, dass sich verschiedene Künste treffen und miteinander kommunizieren, deshalb wurde daraus dann Deutzer Zentralwerk der Schönen Künste.

choises: Es gibt die Forderung der früheren „Impulse“-Macher Matthias von Hartz und Tom Stromberg, weniger in feste Häuser als in künstlerische Gruppen zu investieren. Braucht Köln eine weitere Spielstätte?

Leßle: Köln braucht mit Sicherheit nicht noch ein kleines Nischentheater. Wir werden hier auch keine Spielstätte, sondern ein Produktionszentrum bereitstellen.

Kolacek: Es gibt viele junge Künstler in der Stadt, die Räume brauchen, um ihre Projekte realisieren zu können. Wir wollen zum Beispiel einem Künstler für sechs Wochen Räume zur Verfügung stellen, damit er seine Videoinstallation hier aufbauen und ausstellen kann. Danach kommt der nächste Künstler. Man kann hier vor Ort produzieren, aber es wird keinen Theaterbetrieb geben, der jeden Tag ein anderes Programm anbietet.

Leßle: Wir haben das ganze Gebäude zur Zwischennutzung für Kunst und Kultur gemietet. Das Gebiet vom Mülheimer Hafen  bis zur Zoobrücke soll im Rahmen der Regionale 2020 umgewandelt werden.

coises: Was für Räume sind das und in welchem Zustand sind sie?

Kolacek: Vom zentralen 80er Jahre Foyer samt Treppenaufgang mit Marmorausstattung gehen verschiedene Gebäudetrakte ab. Ein Teil stammt noch von 1876. Dann haben wir Bürotrakte aus den 60er Jahre mit Holzvertäfelung und schweren Holztüren, aber auch Büros mit relativ moderner Ausstattung, die noch um das Jahr 2000 umgebaut wurden.

Leßle: Es sind vor allem Büroräume, vom Großraumbüro bis zu kleinen Büro. Wir haben gerade ein Studio in der Größe der Orangerie hergerichtet mit knapp 230 qm, also 23 mal 9 Meter bei 4,20 Meter Deckenhöhe. Das kann man als Probenraum oder als Tanzstudio nutzen.
 
Kolacek: Dazu gibt noch eine Bühne im Hof und eine große Halle in einem Seitentrakt, die wir mit Strom, Scheinwerfern, Toiletten instand gesetzt haben. Den Rest muss man sich erobern. Wer selbst etwas instand setzt, mietet natürlich zu anderen Konditionen als jemand, der einen fertigen Raum haben möchte. Es geht hier allerdings nicht darum das Gebäude umzubauen, sondern dass alles, was an Kabeln, Tonanlagen, Licht investiert wird, auch wieder in zwei LKWs abtransportiert werden kann.

Choises: Wie wird das finanziert?

Kolacek: Alles was hier drin ist, gehört entweder uns privat oder ist vom Technikpool der Stadt angemietet. Und das reicht erst einmal aus, um das Foyer, das Studio, den Hof, die Halle, den Treppenaufgang oder die Toiletten zu bespielen. Wir haben verschiedene Förderanträge bei der Stadt, beim LVR, bei der Rheinenergie Anträge gestellt, um drei Stellen für Organisation, Technik und Pressearbeit zu schaffen.

Leßle: Derzeit bekommen wir noch keine Förderung, für den Basisbetrieb aber rechnen wir mit einem Bedarf von 120.000 Euro als Minimum.

choises: Was soll hier drin stattfinden?

Kolacek: Wir haben einen Schwerpunkt auf der Nachwuchsförderung. Junge Künstler sollen wir produzieren können. Beispielsweise Tänzer und Choreographen wie Reut Shemesh, Arthur Schopa, der Musiker Nico Stallmann oder der Regisseur Benjamin Schad, der an der Kölner Oper „The Turn of the Screw“ inszeniert hat. Dann werden wir unsere eigenen Arbeiten hier produzieren. Auch der „Alles was tanzt“-Gipfel, über den wir Residenzen an drei junge Choreographen vergeben, soll hier stattfinden. Wir  werden unser Format Polilog weiterführen. Einmal im Monat soll unsere „Suppenküche“ stattfinden, bei dem Künstler ihre Projekte vorstellen; in einer „Tischgesellschaft“ wollen wir Vertreter aus Wirtschaft, Recht, Medien und Kunst zusammenbringen und daraus einen Unterstützerkreis entwickeln.

Leßle: Wir haben außerdem Anfragen von Filmfirmen, die hier drehen oder temporär Büros mieten wollen. Mitte Juli wird ein Filmprojekt der Kunstfilmbiennale hier eine Woche lang  mit Gymnasiasten arbeiten.

Choises: Wieviele Produktionen sollen hier pro Jahr gezeigt werden?

Kolacek: Acht bis zehn Produktionen, die betreut und en bloc gespielt werden und ein Festival, mehr werden wir nicht schaffen und mehr können wir uns auch nicht leisten…

Leßle: … oder eine Ausstellung oder eine Präsentation der KHM…

Kolacek: …und außerdem beteiligen wir uns an der langen Theaternacht, der Nacht der Museen und den Passagen, das ist aber dann eher ein Extra.









Ein neues Kunstquartier in Köln? „Ja, im vergessenen Os­ten Kölns", bemerkt Marc Leß­le mit einem Lachen. Gemein­sam mit Anja Kolacek brachte Marc Leßle vor einem Jahr Le­ben in die von der Stadt Köln angemieteten Hallen in Mül­heim, in denen dann doch kein Tanzhaus realisiert wurde. Aber die beiden haben unter ihrem Label raum13 schon zahlreiche Tanz- und Perfor­mance-Aktionen gezeigt, und sie bleiben unermüdlich auf der Suche nach neuen Orten für die freie Kunst.

Gleich 200 Meter hinter dem Gebäude 9, das schon zu den etablierten Kunststationen der Szene gehört, fanden sie mit der ehemaligen Hauptverwal­tung der KHD-Werke an der Deutz-Mülheimer Straße eine Industriebrache von giganti­schem Ausmaß. Das Gelände mit Gießerei und Fertigungs­hallen umfasst Tausende Qua­dratmeter Fläche.

Mit einer kulturellen Nut­zung wird man sich verheben, wenn sie nicht im großen Stil angegangen wird. Aber der Bürotrakt gleich zur Straße hin bietet eben eine Raum­landschaft mit größeren und kleineren Büros mit Teppich­boden, die jetzt leer und tro­cken auf eine intelligente Nut­zung warten.

Zwei Studios für Tanz und Training, haben Kolacek und Leßle schon ausgestattet; beide Räume besitzen ­jeweils die Größe des Theaterraums der Orangerie. Außerdem gibt es einen Hof und breite Einfahrten, auf denen schon ein Bühnenboden installiert ist. Hier soll ein „Laboratorium“ entstehen, in dem unterschiedliche künstleri­sche Substanzen miteinander in Kontakt gebracht werden, und zu etwas völlig Neuem reagieren können", erklärt An­ja Kolacek mit unüberhörba­rer Euphorie in der Stimme. Tatsächlich drängt sich ange­sichts des guten Zustands der Büros und Treppenhäuser eine Nutzung durch die ver­schiedenen Künste vom Tanz dem Theater, der Musik, der bildenden Kunst oder digitalen Medien direkt auf. Residenzen und Atelierbetrieb sind vor­stellbar, denn hier wird man auch im Winter arbeiten kön­nen.

Einen pompösen Namen für das noch im Säuglingsstadium befindliche Projekt gibt es auch schon: „Deutzer Zentral­werk der Schönen Künste" soll der Komplex getauft werden, wenn man der Ideenschmiede von raum13 folgt. In Anbin­dung an die Messe und das Staatenhaus würde der neue Ort durchaus eine Attraktion für Deutz darstellen.

Damit sich die Kölner mit diesem vergessenen Winkel der Stadt wieder akklimatisie­ren können, lassen Kolacek und Leßle ihre neue Inszenie­rung „Tretet ein, denn auch  hier sind Götter!" durch das Industrieareal mäandern. Thema werden die Weltregio­nen und die Frage nach dem verlorenen Ring aus Lessings „Nathan der Weise“ sein. Für den 18. Juni ist die Urauffüh­rung des Stücks an der neuen Spielstätte geplant. Man hofft auf viel Publikum, das Areal ist leicht zu finden.

Deutz-Mülheimer Str. 147-149. Karten-Tel. 0221/42 32 185 www.raum13.com

 






raum13 Deutzer Zentralwerk der Schönen Künste // Tanz // Arnd Wesemann

ANJA KOLACEK
und Marc Leßle halten die Kölner auf Trab. Nach dem Tanzhaus interim, das die Szene als einen unlauteren Vorstoß gegen die Realisierung eines eigenen Tanzhauses ansah - ohne dass irgendjemand das endlich mal ,wahr macht -, sind die beiden Avantgardisten schon wieder fündig geworden, diesmal im Stadtteil Deutz.
„Zentralwerk der Schönen Künste“ nennen sie ihren Performanceort, und der verzichtet, weil sie so heftig geprügelt wurden, auf Spartengrenzen. Etwas trotzig heißt es dennoch, die „Schwerpunkte liegen beim Tanz und der jungen Szene“.

In der ehemaligen Hauptverwaltung der Klöckner-Humboldt-Deutz-Werke öffnen sie die Pforten am 18. Juni, ganz programmatisch. Ihr Motto lautet: „Tretet ein, denn auch hier sind Götter!“, was den Katholiken in Köln sehr gut gefallen wird, zumal die beiden „eine Messe mit alten und vielleicht zukünftigen Ritualen“ und „Exerzitien der manchmal anderen Art“ abhalten wollen, um „im schlimmsten Fall eine neue uncommode Religion zu gründen -nämlich die eines unfehlbaren Tanzglaubens, der trotz oder wegen Verfolgung durch Politiker und Provinzler, durch ältere Kollegen und uralte Ressentiments sich durchsetzen wird: Tanz ist in Köln vor allem Glaubenssache, und die braucht eine Kirche für eine «einmal werdende Kölner res publica der Künste und des Denkens». Voilä! In der Deutz-Mülheimer Straße 147-149 ist sie zu finden.






05 akt 25     Juli ’11 Prämiert

Sinnhäppchen und Abendmahlgurgeln
raum13 eröffnet mit „Tretet ein, denn auch hier sind Götter!“
das Deutzer Zentralwerk der Schönen Künste

Die Prozession der Zuschauer beginnt im riesigen Treppenhaus, wo Kölner Bürger auf Bildschirmen Sinnfragen beantworten – die man leider weder richtig hört noch erfassen kann. Weiter geht es im 2. Stock, ein weißer Raum mit großen Fenstern, die einen Blick auf Deutzer Industrie-Idylle erlauben. Rauchende Schornsteine, kaputte Fensterscheiben, hier und da ein Graffiti an der Wand, doch um die Tanzböden zu schonen, werden Füßlinge gereicht. Im Innenhof wartet eine Braut, ganz in Weiß, die auf der weißen Bühne umringt wird von acht Tänzern mit Trommeln, leicht bekleidet in Rot und Schwarz. Wie eine Herde Schafe folgen wir Zuschauer der Gruppe mit dem treibenden Rhythmus, eingestimmt als quasi-religiöse Kultgemeinschaft. Die Gruppe stoppt, die untergehende Sonne im Rücken ruft der Chor: „Jetzt ist Zeit“. Ein Motto, das auch Anja Kolacek und Marc Leßle, die Gründer des neuen Kunsthauses für Köln, auf Aufkleber und T-Shirts haben drucken lassen. Das Deutzer Zentralwerk der Schönen Künste soll das neue kreative Zentrum von raum13 werden, zuerst auf drei Jahre begrenzt. Das Gelände an der Deutz-Mühlheimer Straße hat mehrere tausend Quadratmeter Nutzfläche, halb verfallene Lagerräume reihen sich aneinander und strahlen jenen Backstein- Chic aus, für den man gewöhnlich ins Ruhrgebiet fährt. Das Stück „Tretet ein, denn auch hier sind Götter!“ eröffnet die Zeit in diesem neuen Kunsthaus. Die Prozession, allen voran die Braut, endet schließlich in einem langen, dunklen Maschinensaal und verwandelt sich in ein zumeist simultan getanztes Szenario über Religion und Rituale: die Braut ist mal Angebetete, mal Sektenführerin, dann wird sie wie ein Tier von den anderen zerfleischt.
„Auf zum Paradies, wir sind exklusiv“ ruft der Chor und zählt auf, wer alles anerkannt wird: Karl Marx, Brad Pitt, Charles Manson, Steffi Graf… Welche Religion darf es
sein: Kapitalismus, Sozialismus, Egoismus…? Die Liste ist beliebig und banal und schrammt an der Grenze zur Peinlichkeit.
Und erzählt doch etwas über heutige Patchworkreligion und die Sucht nach neuen Kulten. Mit aufgerissenen Mündern und zum Himmel gestreckten Armen geht es weiter, Geige und Schlagzeug von Nico Stallmann und Frank Brempel sorgen für treibende Musikbegleitung, die im unheimlichen Raum auf eine fantastische Akustik trifft. Glaube und Religion sind ein gewaltiges Thema, an dem man sich schnell überheben kann. Anja Kolacek und Marc Leßle bearbeiten das Thema mit Bewegungssystemen aus verschiedenen Zeiten und erzählen eine kleine
Geschichte der Rituale: es beginnt mit klassischen Ballett-Positionen, die ja zu Zeiten der Aufklärung auch das Streben nach dem Göttlichen versinnbildlicht haben, später meint man, Elemente aus Labans Bewegungslehre oder indische Tempeltänze zu erkennen. Im Kollektiv schminkt man sich die Lippen rot, geht streng abgezirkelte Bodenmuster ab, die an Kirchgänge erinnern. Immer wieder entstehen starke Bilder, wenn etwa die Braut den am Boden liegenden Tänzer feierlich einen roten Saft einflößt, mit dem sie auf einmal zu gurgeln beginnen – eine dumpfe, fremde Art von Musik zu einem befremdlichen Abendmahl. Der Mensch schafft sich seine Rituale selbst und erhebt sie zum Gesetz. Religion gibt Halt, kann aber zu Zwang oder zerstörerischem Wahn werden, der zugleich ironisiert wird: mit blinkenden, ferngesteuerten Helikoptern zu Wagners Götterdämmerung, ein ironisches Zitat aus Coppolas „Apocalypse Now“. Die körperlich sehr präsenten Tänzer bleiben nicht geschont und erinnern in der zwanghaften Choreografie dennoch manchmal an ein seichtes Fernsehballett. Und zugleich erkennt man darin das rauschhafte, sektenhafte Aufgehen in die Masse, die schließlich einen Hirschgott anbeten – immer und immer wieder mit den gleichen mechanischen Bewegungen in der langen Halle vor und zurückprozessieren. Können Religionen im 21. Jahrhundert Antworten geben? Das war die Frage, die Kolacek und Leßle beantworten wollten. Allenfalls erzählen sie jedoch, dass es immer noch eine Sehnsucht nach Göttern und formalen Haltepunkten gibt. Doch auch wenn sich der Abend kamikazehaft übernimmt in seinem Anspruch, bleibt es ein reizvolles, bildermächtiges Stück an einer aufregenden neuen Spielstätte. Henriette Westphal /Dorothea Marcus






VOM OTTO-MOTOR ZUR KUNST-FACTORY
RAUM13, ANJA KOLACEK UND MARC LESSLE, ERÖFFNEN DAS „DEUTZER ZENTRALWERK DER SCHÖNEN KÜNSTE“

Man muss sie als leicht wahnsinnig bezeichnen. Anja Kolacek und Marc Leßle von raum13, die vor genau einem Jahr eine große, leere Halle in Mülheim als Tanzhaus Köln Interim aus dem Nichts erschufen und es drei Monate lang bespielten, bevor vom Rat das Ende des Projekts beschlossen wurde, haben ein neues Baby gefunden. Aber es ist eine Art von Verrücktheit, die visionär wirkt und das Zeug hätte, einen völlig vergessen
wirkenden Ort in Köln zu einer neuen, spannenden Kulturstätte zu machen. Ohne jede finanzielle Hilfe der Stadt renovieren und erschaffen die beiden gerade das „Deutzer Zentralwerk der Schönen Künste“. So vollmundig haben sie ihr aktuelles Kunstprojekt auf dem Gelände der ehemaligen Deutz AG getauft. Dort, wo Ende des 19. Jahrhunderts die Prototypen des Otto-Motors übers Band liefen, sieht man heute stillgelegte, pittoresk verfallene Industriehallen, zerborstene Scheiben, Graffitis hinter wucherndem Grün. Weiträumig ist es, drei Stockwerke umfasst es, endlose Gangfluchten, alte, holzgetäfelte,
edle Büroräume und Sitzungssäle, in denen die Deckenplatten abfallen, „Wir haben hier sogar Briefpapier aus den 60er-Jahren gefunden“, erzählt Marc Leßle. Der Fahrstuhl ist außer Betrieb, darin soll eine Lichtsäule strahlen. Im dritten Stock ist schon der Probenraum fertig: eine lichtdurchfl utete Halle mit weitem Blick auf Köln. An ihr neues Megaprojekt gekommen sind Kolacek und Leßle, weil im Herbst letzten Jahres, nachdem das Tanzhaus
begraben schien, der Vermieter der Industriebrache auf sie zukam. Zunächst geht es um eine Zwischennutzung, dann sollen hier möglicherweise Wohnungen entstehen. Aber vielleicht ist das „Deutzer Zentralwerk der Schönen Künste“ dann ja auch schon so etabliert, dass es andere Künstler angezogen hat, das Viertel aufwertet – und sogar erhalten bleibt. Doch das ist Zukunftsmusik. Jetzt wird erstmal gearbeitet. In die halbrunde Fensterfront der Eingangshalle soll eine Bar gebaut werden, in den Innenhof eine Bühne. Und zugleich wird geprobt: Denn das Zentralwerk, das nach Anja Kolacek als „Ideen-Werkstatt, Talent-Schmiede und kreatives Zentrum“ gedacht ist, soll bereits am 18. Juni mit einer Tanz-Premiere eröffnet werden. „Tretet ein, denn auch hier sind Götter“ ist eine Performance über Religion, mit einer neuen Kompanie von Tänzern aus Israel, Kolumbien, den Niederlanden, Italien und Griechenland und natürlich Köln. Eine Art Messe, die über das Gelände führt, in der Rituale vollführt, Exerzitien betrieben, und zum Schluss sogar eine neue Art von Religion gegründet werden soll. Begleitet wird die Performance von der „Polisbox“, kleine Videobildschirme, die die Rechercheinterviews aus dem Stadtraum zeigen. Wie möchtest du sterben? Was noch vorher erledigen? Was bedeutet Freiheit für Dich? So lauten etwa die existentiellen Fragen, die nicht nur Passanten, sondern auch Pfarrern oder Bürgermeistern gestellt wurden und auch auf der Internetseite www.polisbox.de zugänglich werden sollen. „Wir arbeiten an einer Art Web-Theater 2.0: ein Bühnenstück, das im Internet stattfindet, zeitgleich live im Stadtraum erfahrbar ist und sich während dessen weiter schreibt“, sagt Marc Leßle. Das „DZK“ soll übrigens nicht nur dem Tanz offen stehen, sondern bewusst allen Künsten und dem politischen Diskurs. Geplant sind Residenzen, Partyreihen, Workshops, eben ein „Kunstlaboratorium“, das in den Stadtraum eingreift.
Einige Formate, die Kolacek und Leßle planen, kennt man schon aus den drei Monaten Tanzhaus Interim: etwa die Suppenküche, die monatlich Kölner Künstler zum kreativen Gedankenaustausch versammelt, der Choreografen-Wettbewerb für Unter-30-Jährige – und nicht zuletzt die „Alleswastanzt-Nacht“, die seit zwei Jahren einmal jährlich Tanzschaffende versammelt. Wahnsinnig ist das Projekt vor allem deshalb, weil raum13 außer Projektgeldern kaum finanzielle Unterstützung hat. „Zum Glück helfen uns Kontakte, die wir während unserer langjährigen Theaterarbeit aufgebaut haben“, erzählen die beiden. David Heller vom „Kölner Reinigungs-Team“ etwa hat eine Putzkolonne durch die weitläufigen Säle und das riesige Treppenhaus geschickt und die Fensterfront im Foyer gereinigt. Veranstaltungstechnik besitzen die beiden selbst, und Regieassistenten, Interviewer, Ausstatter, Medienkünstler, Musiker, etc. sind teilweise befreundete Künstler, die zum gewachsenen Netzwerk von raum13 gehören. Sie sind ebenso infiziert von der Idee der neuen Kunst-Factory wie Kolacek und Leßle. selbst. Wenn alles fertig ist, müsste sich das Gelände
auch hervorragend vermieten lassen: es ruft in seiner
verlebten Schönheit geradezu nach Parties, Mode-
Shootings oder Drehtagen. Aber vor allem ruft es nach
spannender Kunst. DOROTHEA MARCUS

ERÖFFNUNG UND PREMIERE VON „TRETET EIN, DENN AUCH HIER SINDGÖTTER“ AM 18. JUNI 2011, DEUTZ-MÜLHEIMER STRASSE 147-149. KARTEN: INFO@RAUM13.COM, 0221-4232185






Spannend waren die drei Monate auf jeden Fall, jede der gefühlten Weltreisen nach Mülheim lohnte sich: Etwa die Reihe „Zeitzeugen“, in denen in Köln lebende Choreografen mit Hilfe von Videoausschnitten des Kölner Tanzarchivs historische Rückblicke auf legendäre Tänzer warfen. Oder die Idee von raum13, das Interim mit Hilfe eines Community-Dance-Wochenendes zu eröffnen, um sich das Publikum für die nächsten drei Monate heranzuholen. (…)

Bisher in Köln so nicht dagewesen ist “absolute beginners”, eine Plattform junger Choreografen, die sich nach einem zehntätigen Austausch mit Profis auf der Bühne beweisen konnten. 40 bis 50 Bewerber gab es für nur zehn Plätze. Später konnten sie sich mit 13minütigen Beiträgen dem Wettbewerb stellen – das Preisgeld von 1500 Euro stifteten Kölner Bürger. Neu war auch der Profitanz für Menschen ab 60 und die Tatsache, dass in Köln auf einmal ehemalige Kresnik-Tänzer aus Bonn wirkten – das Tanzhaus also Potential hat, die Szene also um spannende Neuzugänge zu bereichern. Ganz zu schweigen von der Halle selbst, die sehr wandlungsfähig ist: von intimer Guckkastensituation bis zum raumgreifenden Rundumbühne. Technisch recht gut ausgerüstet war sie in dieser Zeit und das für wenig Geld. Genauso viel wie an Zuschüssen floss, haben Firmen und Sponsoren nochmals an geldwerten Sachleistungen gespendet, so Marc Leßle: vom Lichtpult über Videobeamer bis zu Lichtsystemen. Das alles wird zur Zeit gerade wieder entfernt. Neben grandiosen Tanzabenden wie „So Lonely“  gab es auch zwei extra für den Ort kreierte Uraufführungen: Ruben Reniers tänzerische Mülheim-Recherche.

Oder die „Verschwörungspraktiker“: eine Zusammenarbeit von (Theater)regisseur Daniel Schüssler mit der ehemaligen Kresnik-Tänzerin Yoshiko Waki, die sich gerade in Köln angesiedelt hat.

(Dorothea Marcus, akt)






Anja Kolacek und Marc Leßle traten erst im letzten Jahr mit ihrem wundervollen Projekt 'Köln tanzt' in der Szene so richtig auf den Plan. Sie sind sympathisch, klug, voller bers­tendem Tatendrang, und sie haben ihr Projekt 'Köln tanzt', bei dem mehr oder weniger jeder mitmachen kann, zum Konzept für das gemacht, was in Mülheim an der Schanzenstraße im Entstehen begriffen ist. Schleunigst errichteten Anja und Marc ihre 'Suppenküche' in den noch leeren Industriehallen, alle sollen sich an einem Feuerchen wärmen. „Auf Runde Tische habe ich keine Lust mehr. Wir machen einfach", sagt Anja Kolacek und fügt hinzu: „Wir befinden uns in einem künstlerisch super spannenden Moment". Aus diversen Richtungen werden Gruppen eingeladen. Noch wäh­rend unseres Gesprächs entsteht die Idee, der Veranstaltungsreihe das Logo „9 1/2 Wochen" zu verpassen. Kontakte zu Firmen werden schon geknüpft, um die Hallen auch über kommerzielle Nutzung mitzufinanzieren. Kolacek und Lessle schlafen nicht. Ein solches Tandem kann noch einmal wichtig für die Szene sein.

(Thomas Linden, Choices)






Stark in der Organisation, denn beiden ist es gelungen innerhalb weniger Wochen die Backstein-Stahl-Glashallen bespielbar zu machen. Sie haben Starkstromkabel verlegt, Scheinwerfer gehängt, einen Notausgang in die Wand geschlagen, sehr engagiert eine Infrastruktur geschaffen. Beachtlich.

(Nicole Strecker, Kölner Stadtanzeiger)






Ein Ort mit Potential
Der neueste Stand in Sachen Kölner Tanzhaus

Die Kölner Kulturszene ist in Aufruhr. Viele Aktionsbündnisse wie „Mut zu Kultur“, „Kölner Komment“ oder „Ihr seid Künstler und wir nicht“ rufen dazu auf, sich aktiv am kulturellen und politischen Leben zu beteiligen. Denn die Stadt hat viele Pläne, die auf der Grundlage
einer schwierigen Haushaltslage in nächster Zeit in Angriff genommen werden müssen. Zu den erfreulichen gehört mit Sicherheit die Errichtung eines Tanzhauses. Seit Mai 2009 hat die Stadt Köln zwei Hallen in Mülheim auf der Schanzenstraße 35 in prominenter Lage
angemietet: auf dem Gelände des E-Werks, neben den Produktionsstudios der Harald Schmidt Show. Dort soll es entstehen: Das seit so vielen Jahren dringend benötigte Haus für den Tanz. Lange Monate standen die Hallen nach der Anmietung erst einmal leer, denn es gibt noch keinen Ratsbeschluss zu diesem Thema. Aber der Kulturamtsleiter Konrad Schmidt-Werthern hofft auf einen solchen zu Anfang des zweiten Quartals. Erst dann weiß man, wie viel Geld zur Verfügung steht; erst dann können die Umbaumaßnahmen beginnen; erst dann kann man mit Hilfe einer bundesweiten Ausschreibung nach einer künstlerischen Leitung suchen. Ende letzten Jahres hat man sich im Kulturamt dann doch entschlossen, die Hallen schon bis zum Sommer 2010 provisorisch zu nutzen. Innerhalb der Kölner Tanzszene
wurde ein Ideenwettbewerb ausgeschrieben. Entschieden hat man sich für ein Konzept von „raum13 – Theater Fraktion Köln“ unter der Leitung von Anja Kolacek und Marc Leßle. Dieses Konzept hat bestochen, „weil es einen kompletten Entwurf für das gesamte halbe Jahr gemacht hat“, so Gisela Deckart, die städtische Referentin für Tanz. Ein Konzept, das die gesamte Bandbreite der Kölner Tanzszene präsentieren möchte. und wie sieht es mit der praktischen Umsetzung aus? Kolacek und Leßle arbeiten seit vielen Jahren zusammen –
sie als Regisseurin und Choreografin, er als Bühnenbildner, Video- und Lichtgestalter. und dieses Mal haben sich die beiden viel vorgenommen. Die Stadt stellt zunächst einmal nur die Räumlichkeiten mietfrei zur Verfügung. Alles andere müssen sie selbst leisten: die gesamte Infrastruktur aufbauen, Genehmigungen einholen, einen Spielplan erstellen, Öffentlichkeitsarbeit machen, Sponsoren suchen und so weiter. Die Finanzierungsfrage
muss sich erst noch klären, aber beide sprudeln über vor Energie, Tatendrang und Ideen. Sie sind begeistert von den Räumlichkeiten und Potenzialen, die in diesem Ort stecken. Von Vorteil ist sicher, dass beide schon lange künstlerisch in Köln tätig sind und Erfahrungen haben mit ungewöhnlichen Räumlichkeiten sowie der Verwirklichung größerer Projekte. 2007 gründeten sie das Künstlerkollektiv raum13. Mit ihm haben sie im Mai 2009 das Projekt „Alles was tanzt“ in den Spichernhöfen ins Leben gerufen. Ein Projekt, bei dem alle Akteure der Kölner Tanzszene – vom Funkenmariechen bis zum zeitgenössischen zeitgenössischen
Tänzer – sich mit einer kurzen Präsentation bekannt machen konnten. Ihr Entwurf für den Interims-Spielbetrieb in Mülheim sieht hauptsächlich drei Ziele vor. Erstens möchten sie eine Anlaufstelle für alle Tanzinteressierten sein: mit Profi-Trainings, Film- und Diskussionsabenden. Zweitens wollen sie im Mai zum zweiten Mal ihren „Alles was tanzt Gipfel“ stattfinden lassen. Drittens soll es danach eine Aufführungsreihe geben, in der die verschiedensten Akteure der Kölner Tanzszene ihre fertigen Projekte oder Projektideen vorstellen können. Die beiden haben noch viele weitere Visionen, „aber nun muss man natürlich schauen: wie bekommt man das strukturiert? Wie bekommt das Ganze nach außen irgendwie einen Guss? Wie kann man sich positionieren? und wie bekommt man es logistisch gelöst?“ Fragen, die sich Anja Kolacek im Moment täglich stellt. Doch wie geht es nach der provisorischen Lösung ab dem Sommer weiter? Das weiß im Moment niemand so genau. Köln braucht seit so vielen Jahren dringend einen Ort für den Tanz. Das ist allen Beteiligten klar. und die Anmietung der Hallen in Mülheim ist zumindest ein gutes Zeichen. Aber dabei darf es nicht bleiben. Perspektivisch muss dem Tanz in Köln ein gleichberechtigter Platz neben der Oper und dem Schauspiel eingeräumt werden. und gerade die Umgestaltung am Offenbachplatz bietet jetzt die einmalige Gelegenheit, die Kunstsparte Tanz ganz neu zu etablieren. „Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass wir uns hier nicht nur für eine Architektur, sondern auch für ein Kunstkonzept entscheiden, das
für die nächsten 50 Jahre tragfähig sein soll und flexibel genug, ästhetischem und gesellschaftlichem Wandel integrativ und offen zu begegnen.“ So ein Zitat aus dem „Manifest für den Tanz“ unter der Federführung von Kajo Nelles, Vera Sander und Uwe Möller. Dort wird unter anderem gefordert, die städtische Theaterlandschaft auch einmal aus dem Blickwinkel des Tanzes zu reflektieren. Wäre es zudem nicht zeitgemäßer, die Einteilung in Kategorien wie: hier der selbständige Tanz und dort die etablierte Ballettcompagnie, aufzulösen? Trotz einer schwierigen Haushaltslage brauchen wir jetzt den Mut zu
einer zukunftsfähigen Lösung – auch und gerade für den Tanz in Köln.

STEPHANIE BECKER









„Adenauer trifft Generation Y“ thematisiert Wünsche, Hoffnungen, Vorstellungen von Jungwählern und älteren Zeitzeugen deutscher Geschichte. (…) Die Aussagen der Anwesenden (....) reichen von der Angst, ein Pflegefall zu werden, über die Enttäuschung, dass es an „profilierten Politikern" mangele, und die Forderung, Studenten müssten mehr Mitspracherecht haben, bis zur Kritik daran, dass die Heirat mit „Importbräuten" die Integration der Türken erschwere.(Clemens Schminke, Kölner Stadt Anzeiger 06.12.09)

Es ist ein irritierend schöner Moment, wenn das Septett über Zukunftsvorstellungen oder Gegenwart spricht. Denn Privates scheint sich hier mit fremden Aussagen - die wäh­rend der Recherche von Anja Kolacek an diversen Orten in Köln gesammelt wurden - zu verschränken. Sprechen die sieben da vorne von ihren eige­nen Ängsten, oder zitieren sie nur diejenigen, die gerade nicht anwesend sind? Wenn man nicht weiß, wer spricht, verändert sich das Gewicht der Worte. Sie lösen sich aus dem Privaten und erhalten eine universale Bedeutung, mit ei­ner Spur Ironie versetzt. (Thomas Linden, Kölner Rundschau, 07.01.10)









Noch nie hat sich die Kölner Tanzszene so vielfältig dargestellt wie jetzt in den „Spichern Höfen“. 290 Laien und professionelle Tänzer zeigten die ganze Bandbreite der Szene. KÖLN - Kompetenz und Chaos ist eine Verbindung, die nicht zwangsläufig Gutes erahnen lässt. Am Donnerstag in den „Spichern Höfen“ hatte die Kombination jedoch so viel Charme, dass man gerne über organisatorische Schwächen hinwegsah und nur zu dem Schluss kommen konnte, den Professor Elmar Buck, Direktor des Instituts für Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft, und andere Gäste bei „Köln tanzt“ zogen: „Großartig!“ „Großartig“ lautete auch das Urteil von Bürgermeisterin Elfi Scho-Antwerpes sowie von Marc Günther, dem ehemaligen Kölner Schauspielintendanten. Letzterer war eigens aus Frankfurt angereist, um ein Bild von der Kölner Tanzszene zu bekommen, wie es in der Vielschichtigkeit wohl noch nie zu erleben war. Etwa 290 Personen im Alter zwischen vier und 80 Jahren - Laien ebenso wie Profis demonstrierten während einer halben Nacht so ziemlich alle Bewegungsvarianten und nonverbalen Ausdrucksformen, zu der ein Körper fähig sein kann: Quickstep, Streetdance, Flamenco, Bauchtanz, Modern Dance, Bewegungstheater, Hip Hop und Volkstanz. Selbst diejenigen, die Gardetanz außerhalb der fünften Jahreszeit gewöhnungsbedürftig finden, verfolgten begeistert, wie Nadine Schramm, ihres Zeichens „Kajütenmäuschen“ beim Tanzcorps „Die Original Matrosen vom Müllemer Böötche“ von ihren Kollegen um geschätzte viereinhalb Meter in Richtung Saaldecke geworfen wurde. Während Kommandant Max Wiest eingestand, „es ist für uns ungewohnt außerhalb der Session“, genossen die sechs im Wesentlichen Federschmuck tragenden Mitglieder der „Maria Christina Ferreira Company“ den begeisterten Applaus, den sie für ihre „Samba Brazil“- Darbietung erhielten. „Wir wollen das ganze Potenzial des Tanzes in unserer Stadt sichtbar und erlebbar machen“, so die Idee von Choreografin Anja Kolacek für das Projekt, das in Köln den Auftakt des „NRW-Tanzfestivals 09“ markierte. Kulturdezernent Georg Quander lobte das „experimentierfreudige Konzept“ und den „wunderbaren Ort“ für dieses Stadtkunstprojekt, das von „Raum13 Theater Fraktion Köln“ zusammen mit den „Spichern Höfen“ organisiert worden war. Zugleich äußerte Quander sich „zuversichtlich, dass wir noch in diesem Jahr mit dem Ausbau des geplanten Kölner Tanzhauses beginnen können.“ Nach seiner Vorstellung soll es in Mülheim in Palladium-Nähe angesiedelt werden.






„Selten war ein improvisierter Event so perfekt durchorganisiert. Enorm, welche tänzerische Vielfalt diese Stadt zu bieten hat! …. Erstmals bekam man auch einen Einblick in die Arbeit von professionellen Tänzern, die nach ihrer Ausbildung nicht in einer städtischen Company oder freiem Ensemble   untergekommen sind, sondern sich als Showtänzer und in Einzelengagements verdingen.“

 






Baumgartnerner genügen falsche Wimpern, um sich in die Knef zu versetzen. Aus dem Geschlechterwechsel ergibt sich eine äußerst produktive Spannung. Man ist keine Sekunde in der Versuchung, die künstlerische Spiegelung mit der Wirklichkeit zu verwechseln.

Eine Stunde lang erlebt man eine Aufführung als äußerst gelungene Geschichte einer Annäherung: vielstimmig, suchend, offen im Urteil. Keine Hommage, sondern ein komplexes Künstlerinnen-Porträt, das der Porträtierten Geheimnis und Würde lässt.

(Sandra Nuy, Kölner Rundschau Dienstag | 16. Dezember 2008)

 






Halb_Wert_Zeit ist eine Tanztheater-Produktion, auf deren Qualität Kölns freie Szene gewartet hat. Was Anja Kolaceks Produktion mit dem Ensemble „raum13 Theater Fraktion Köln" im Kunsthaus Rhenania von anderen ihrer Art unterscheidet, sind eine Geradlinigkeit, Entschlossenheit und ein Mut, die jedes Moment dieser Inszenierung sofort mit Intensität erfüllen.

Das beginnt bei der Bühne, die sich als eine große Kiste entpuppt; das Publikum sitzt gleich mit im Boot. Vorhang zu, und wir sitzen in einer Black Box. Die kleine Bühne müsste eigentlich ein Nachteil für Tanzambitionen bedeuten, hier aber produziert das Nähe, Unmittelbarkeit und Energie. Zumal Bühnengestalter Marc Leßle mit einer raffinierten Lichtregie den kleinen Raum in die Ferne öffnet.

Darin findet dann eine brutale Bestandsaufnahme dreier Künstlerleben - oder besser - überhaupt der Kunst statt. Wofür macht man sie, wo führt sie hin, und was bleibt einem am Ende? Nichts als Scheitern, lautet die aufrichtige Antwort. Aber das kann bei aller Bitterkeit eben auch Reichtum bedeuten. Das jedenfalls zeigen Heinrich Baumgartner, Harald Beutelstahl und Anja Kolacek in einer Tour de Force, die eigene Biografie und Kunst ideenreich verbindet. Es wird getanzt, geschrien, gefesselt, erzählt, geklagt, gelacht und geweint. Und all das überzeugt, weil der innere Kompass dieser Inszenierung stimmt. Er ist auf die Realität ausgerichtet, in gewissem Sinne auf die Wahrheit, denn die Drei tun nicht so als ob, suchen in allem, was sie machen, den Kern ihrer Aussage. Deshalb streift die Inszenierung beständig die Grenze zur Performance, was dem Publikum zugute kommt, weil es nicht einfach einer Vorstellung, sondern einem Life-Ereignis beiwohnt.

Woraus besteht das Schauspiel? Aus dem Versuch, in die Haut eines anderen zu schlüpfen; eine Antwort, die das Trio auf die Spur von Berührung, Liebe, Besessenheit bringt.

Davon zeigt sich dann auch das Publikum berührt: Begeisterter Applaus.

(Thomas Linden, Kölner Kultur / Kölnische Rundschau, 3. Juni 2008)






Ausdrückliche Erklärungen für die blutigen Taten gibt es wenige, vielmehr lässt ein ebenso Kunst- wie stimmungsvolles und atmosphärisch dichtes Miteinander von Video, Musik, Installation, Tanz und Schauspiel auf subtile Weise Motive durchschimmern und gibt Einblicke in die Gefühls- und Gedankenwelt der Frauen. Auf einer Leinwand eröffnet ein parallel zum Spiel laufendes Video eine zweite Perspektive auf das Tun der jeweiligen Person. Eindrucksvoll verdeutlicht insbesondere Ini Dill das Miteinander aus aggressivem Sadismus, Neid und Wahnsinn, das Hermine Braunsteiner-Ryan bewegte. Ebenso überzeugend schildert Claudia Braubach, wie Marianne Bachmeier im emotionalen Ausnahmezustand ihre eigene Tat als Zuschauerin erlebte. Rache, Wut, Hass, Lust, Leidenschaft, Größen- und jede Menge anderer Wahn sind in dem Spiel mit verschiedenen Thesen, das die Frage nach dem „Warum" zu Recht nicht gänzlich beantwortet.

(Kölner, 03-08 Susanne Esch)

 









Ansichten eines Massenmörders Die Frage ist: Wie konnte es dazu kommen?

Das Kölner Ein-Mann-Stück beantwortet diese Frage nicht. Es gibt Hinweise, stellt neue Fragen - macht also das, was ein gutes Stück ausmacht. Es zeigt Eichmann, und wie er die Welt sah. Heinrich Baumgartner spielt den Nazi-Bürokraten in Anzug und Krawatte mit großer Verve - als einen Akten werfenden Karrieristen [...] Ein verstörendes Stück mit einem großartigen Darsteller.

 






Wenn Tamino in unsere Zeit fällt

Das Spiel wird geladen. „Loading" […] "Ein Programm, bereit zum Start", nennt ihn die Königin der Nacht. Doch wo ist die Grenze zwischen Computersimulation und Wirklichkeit?Diese Fragen drängen immer wieder an die Oberfläche dieser „Zauberflöte", die der Jugendclub des Schauspiel Köln jetzt in der Schlosserei zur Uraufführung brachte […]Kolacek, die auch für Choreografie und Kostüme verantwortlich zeichnet, findet ausdrucksstarke räumliche Arrangements für ihre Darsteller. Taminos Reise wird zum Sinnbild für eine unübersichtlich gewordene Welt, in der verantwortliches Handeln heikel ist. Herzlicher, langer Premierenapplaus.

(Sandra Nuy, Kölner Rundschau, Montag, 8. Januar 2007)






Das Bühnengeschehen ist prallvoll von verschieden Haltungen, Sichtweisen, Konflikten und widersprechenden Gefühlen, die Figuren auseinander treibt und wieder aufeinander zugehen lässt. Von bedrohlich dramatisch bis albern reicht die Bandbreite der verschiedenen Stimmungen, die Regisseurin Anja Kolacek mit ihrer einfallsreichen Inszenierung heraufzubeschwören weiß. Schön, grausam. wild und nachdenklich vermag das Stück die Zuschauer zu fesseln, was zu einem großen Teil an dem hingebungsvollen Spiel der jungen Darsteller liegt, von denen auch sämtliche Texte des jugendlich klugen Schauspiels stammen. ...

Susanne Esch, Kölner 

 









Mit viel Enthusiasmus stürzen sich die zwölf Jungdarsteller sowohl körperlich als auch sprachlich in ein Liebesspiel, in dem der Auf- und Untergang der Gefühle zentrales Thema ist. Es zeigt sich, dass Tschaikowskys Ballett über einen Prinzen, der frei sein will und sich dann doch durch einen Liebesschwur in selbst erwählte Gefangenschaft begibt, zeitlos ist …

(br, Kölner 01/05, Aufführung des Monats)









Ein schöner Abend voller Elan, Zartheit, Skurrilität, mit hohem Formgefühl und einer wunderschönen Sängerin […] ein eindringlicher Grattanz zwischen Hoffnung und Enttäuschung, Jugend und Alter, zwischen Einsam- und Zweisamkeit…(dfl, Choices, Februar 2004)






Der Regisseurin gelingt es bei diesem Mix aus Tanz, Schauspiel und Live-Musik, die Kreativität der jungen Darsteller ohne allzu strikte Vorgaben aufzunehmen…...

Ein derart infernalisches Durcheinander von zappelnden, kopulierenden, schreienden, flüsternden Darstellern hetzt da über die Bühne, dass man händeringend nach Ruhepolen Ausschau hält - und an Katharina Hagopian hängen bleibt . Als Diva mit rotem Haar und glitzerndem Kleid stolziert sie durch die aufgelöste Szenerie, wenn sie nicht gerade von Kai Osenbrück umhergetragen wird. Dann singt sie.- und wirkt spätestens jetzt, als wäre sie anderen Welten entsprungen. Wie eine Sirene aus einem präraffaelitischen Gemälde des 19. Jahrhunderts. Am Ende spannen sich Seile gleich einem Spinnennetz über die Bühne. Das Publikum ist gefangen. Es befreite sich durch ziemlich aufgelösten Applaus. (Arndt Kremer, Kölner Stadt – Anzeiger /19.01.2004)








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