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Pressestimmen

Im Juni 2011 haben Anja Ko­lacek und Marc Leßle, die künstle­rischen Leiter der Gruppe raum13, das »Deutzer Zentralwerk der Schönen Künste« (DZK) eröffnet. Seitdem vergeht kaum ein Monat, in dem nicht etwas Neues aus dem DZK auf der Deutz- Mülheimer Straße zwischen Zoo- und Mül­heimer Brücke drängte. Früher gehörte die Halle zu den Werken des Motorenherstellers Klöckner ­Humboldt-Deutz (KHD), jetzt versteht sie sich als Kunstfabrik.

StadtRevue: Ihr bespielt den Ort seit rund zehn Monaten. Wie hat er sich entwickelt?

Marc Leßle: Als wir 2010 zum ersten Mal in die Hallen der alten KHD-Werke getreten sind und im Chaos von altem Gerümpel, Deckenputz und Feuerlöschpul­ver kaum den Boden sehen konn­ten, da haben wir uns schon ge­fragt, was für einen Klotz wir uns ans Bein gebunden haben. Aber jetzt, wo alles entrümpelt, mit Wasser und Strom versorgt ist und rund 5.000 Quadratmeter dieses Geländes renoviert und be­spielbar sind, können wir endlich das machen, wozu wir hier hin ge­kommen sind: Kunst.

Anja Kolacek: Wir arbeiten kon­tinuierlich an der Idee, Strukturen für spartenübergreifende Kunst zu schaffen und ein Netzwerk auf­zubauen. Mit unseren Reihen, Festivals, Eigenproduktionen, Gastspielen und Ausstellungen haben wir seit Juni dafür einen guten Grundstein gelegt.

Wie kann man sich die Arbeit in einer „freien Kunstschmiede“, wie ihr das DZK nennt, im Gegensatz zu einem herkömmlichen Theaterbetrieb vorstellen?

ML: Hier muss man sich nicht nur das Bühnenbild, sondern zu­erst das ganze Theater bauen. (lacht) Doch das Schöne ist: Man kann sich ein Theater bauen, in dem man auch spielen will!

AK: Jeder Künstler, der im DZK inszeniert, ist Teil eines Ganzen. Er gibt Impulse, muss aber auch offen sein für andere Kunstformen und Ideen. Im Vordergrund steht immer der Mensch, nicht das Ge­bäude. Wir wollen weder ein Theater- noch ein Tanzhaus er­öffnen, sondern diese Räume, die uns von dem Investor zur Zwi­schennutzung zur Verfügung ge­stellt wurden, als Künstler- und Kreativzentrum nutzen.

Was heißt Zwischennutzung?

ML: Der Investor kam auf uns zu und fragte, ob wir die Räume für unsere Projekte haben wollten. Er ist daran interessiert, dass es sinn­voll genutzt wird, bis er es in etwa drei bis vier Jahren rekommerzialisieren will. Das gibt uns eine große künstlerische Freiheit, birgt aber auch Schwierigkeiten.

Welche Schwierigkeiten sind das?

AK: Als derzeitige Betreiber haben wir eine immense Verantwortung für das Gelände, sind Intendanten, Hausmeister, Theatermacher und Schlüsselhalter. Glücklicherweise arbeiten wir mit Menschen, denen wir vertrauen und auf die wir uns verlassen können. Außerdem er­halten wir für die in diesem Jahr geplanten zwölf Produktionen von der RheinEnergieStiftung 20.000 Euro an Fördermitteln für eine Abteilung, die uns in administra­tiven Aufgaben unterstützen soll.

Wie kann man mit den wenigen Mitteln einen solchen Großbetrieb am laufen halten?

ML: Um das Haus betriebsfähig zu machen, waren viel Arbeits­kraft, Eigenkapital und vor allem Freunde unabdingbar, die uns in unserer Idee unterstützt haben. Eine große Hilfe beim Aufbau des technischen Apparats war der Technikpool der Stadt. In diesem Jahr werden wir außer­dem durch 40.000 Euro Investi­tionsförderung für unsere tech­nische Grundausstattung vom Landschaftsverband Rheinland unterstützt. Letztlich geht es immer darum, ein Kreativ­zentrum für zeitgenössische Kunst zu entwickeln. Daran glauben wir, und dafür arbeiten wir. Leider sind die Haushalte von Stadt und Land für 2012 noch nicht sicher - und damit auch unsere zusätzlichen Pro­jektmittel und die unserer Künst­ler nicht. Aber ohne öffentliche Gelder ist dieses Projekt nicht realisierbar.

Ihr gestaltet schon seit Jahren maßgeblich die Kölner Tanz und Theaterlandschaft mit. Neben dem Tanzhaus Köln Interim habt ihr „Alleswastanz“ geschaffen und einen sogenannten „Tanzgipfel“.

Was wird der daraus entstandene „Stückemarkt“ Ende März zeigen?

ML: Aus dem dritten Tanzgipfel 2011 haben wir drei junge Künst­ler bzw. Gruppen ausgewählt, an die wir Residenzen vergeben, mit denen wir enger zusammenarbei­ten, und die wir so als Nachwuchs unterstützen wollen. Der Stücke­markt stellt vier Projektarbeiten aus ganz Deutschland vor: »Spec­tators Only« von David Pollmann, »Big Bodies« von der compognie mintrotundschwarz , »Shades of Gray« vom Brachlandensemble und unsere eigene raum13-Pro­duktion »Substanzen«.

Warum habt ihr gerade diese Gruppen ausgewählt?

AK: Die Konzepte dieser Künst­ler passen sehr gut zu der Grun­didee des DZK. Kunst sollte aus einem Polilog verschiedener Rich­tungen entstehen. David Poll­mann ist bildender Künstler und wird eine Installation aus Video und Tanz zeigen. Oft ist auch eine originelle Erzählstruktur ausschlaggebend. mintrotund­schwarz nähern sich ihren The­men durch eine sehr experimen­telle, dennoch narrative und nicht selten humorvolle Art des Tanzes. Das Brachlandensemble macht spartenübergreifende und inter­aktive Bewegungskunst. Wichtig ist uns außerdem, dass sich die Perfomances mit den leeren Fa­brikhallen und den vielen Büroräu­men auseinandersetzen, in denen früher so viel Leben stattfand. Sie sollen sich die Magie des Ortes zu eigen machen.

Wann wird es eine neue Produktion von Euch selber geben?

AK: Im September zeigen wir un­sere Projekt- und Recherchear­beit »Schönheit der Vergänglich­keit«. Da wird es auch um unser Gebäude gehen, um die Um­wandlung von Industrieräumen.

Interview: Romy Weimann






Im letzten Juni wurde es aus der Taufe gehoben, in einem regelrechten Kraftakt: in wenigen Monaten hatten Anja Kolacek und Marc Leßle von „raum13“ aus einer völlig verfallenen Fabrik der Deutz AG, die sie für mehrere Jahre zwischennutzen können, einen inspirierenden Kunstort über drei Stockwerke geschaffen und es vollmundig „Deutzer Zentralwerk der schönen Künste“ getauft. „Wir haben es so genannt, weil wir vor allem eins sein wollten: interdisziplinär. Wir wollen uns nicht länger auf eine Kunstform festlegen, sondern mit Wechselwirkungen zwischen Theater, Bildender Kunst, Musik und Tanz arbeiten“, sagt Anja Kolacek. Wo sich vorher endlose Gangfluchten mit zerborstenen Scheiben, kaputtem Holzmobiliar, herunterhängenden Deckenplatten und Müll aneinanderreihten, kann man heute zwar immer noch den rauen Charme einer heruntergekommenen Fabrik entdecken.

4000 m2, die geradezu danach rufen, künstlerisch genutzt zu werden.

Aber vor allen Dingen gibt es nun: Verwunschene Orte, einen Innenhof, eine dunkle Industriehalle, Bühnen in jeder Größe, die geradezu danach rufen, künstlerisch genutzt zu werden. Es gibt aber auch, dank „raum13“: Eine Bar, eine Küche, ein gigantisches, wunderschönes Treppenhaus, renovierte Probenräume. Und keine Heizung, was jetzt im Winter manche Bewährungsprobe erfordert. „Wir spüren das schon gar nicht mehr“, versichern Marc Leßle und Anja Kolacek tapfer. Das Gebäude ist mittlerweile fast zu schön, um wahr zu sein, gerade durch den unfertigen Charme. Ganze 5000 Euro hatte raum13 von der Stadt bekommen, als „Investitionskostenzuschuss“, alle restlichen Kosten des über 4000 m2 (!) großen Gebäudes, eine Seltenheit in Köln, werden momentan privat von den beiden getragen– und von einigen wenigen Projektmitteln. Die Zukunft sieht etwas rosiger aus, denn immerhin hat dieRheinEnergie Stiftung Kultur für das Jahr 2012 20.000Euro für Werbung und Öffentlichkeitsarbeit bewilligt, und der Landschaftsverband Rheinland 40.000 Euro für die Grundausstattung.

Was im Sommer noch mit dem Schwerpunkt Tanz begann, hat sich mittlerweile längst auch anderen Kunstsparten geöffnet. Soeben fand ein wochenlanges Mini-Theaterfestival hier statt, mit kleinen, aber feinen Theatergastspielen aus Gießen, Wien oder sogar vom Schauspielhaus Hamburg, ermöglicht durch Kontakte von raum13. Ob das nun „Eichmann“ im Flur in der zweiten „Vorstands“-Etage war, oder der Monolog „Hosianna“ in einem holzgetäfelten Raum neben dem Eingang. Die Uraufführung von „Substanzen“, eine skurrile Grenzüberschreitung zwischen Schauspiel und Tanz über den Miss- und Gebrauch von Drogen, wird im weiß verkleideten und abgedunkelten Studio im dritten Stock gezeigt. Die Uraufführung von „Substanzen“ ist eine skurrile Grenzüberschreitung.

„Mittlerweile können wir uns vor Leuten kaum retten, die hier arbeiten wollen“

Wichtig ist Kolacek und Leßle vor allem, hier nicht nur ein Podium für eigene Produktionen zu schaffen, sondern ein großes Netzwerk von Künstlern „wie ein Schneeballsystem“ zu erweitern. Soeben haben sie deshalb ihr Format „Suppenküche“ wieder aufgelegt, eine Idee noch aus der Zeit, als sie das „Tanzhaus Interim“ leiteten. Jeden ersten Sonntag im Monat bei warmer Suppe – die in den Räumen auch bitter nötig ist – treffen sich Künstler zum Austausch über ihre Projekte, vernetzen sich, holen sich Inspiration, tun sich zusammen. „Mittlerweile können wir uns vor Leuten kaum retten, die hier arbeiten wollen“, erzählt Anja Kolacek. Es gibt Koproduktionsanfragen bis hin zum Schauspielhaus Hamburg und eine lange Liste von Projekten, die beim Kulturamt beantragt sind. Der Regisseur Benjamin Schad, der für seine umjubelte Inszenierung „The Turning of The Screw“ an der Kölner Oper gerade den Götz Friedrich Preis erhielt, wird hier den Günter-Eich-Abend „Träume“ gestalten – auch wenn die Gelder dafür zur Zeit auf Eis liegen. „Ich mag die Patina dieses Ortes“, erzählt Schad, „sie passt exakt zu dem Dichter, der jetzt auch schon seit vielen Jahren verschütt gegangen ist. Man kann in diesen Räumen unglaublich viel ausprobieren“. Beantragt sind aber auch Kooperationen mit dem Theaterhaus Jena oder der „Kaderschmiede“ für freie Regisseure,dem Studiengang Angewandte Theaterwissenschaft Gießen, die bekannte Schauspielerin Anne Tismer sollkommen, auch Koproduktionen mit dem Zentrum für aktuelle Musik sind geplant. Raum13 selbst beschäftigen sich künstlerisch gerade mit der historischen Aufarbeitung der Geschichte der Deutz AG, die 1911 noch 30 000 Beschäftigte hatte und 2006 pleite ging.

Der „Alleswastanzt-Stückemarkt“ zeigt die Ergebnisse der „Künstlerresidenzen“

Erstmals haben sie auch so genannte „Künstlerresidenzen“ vergeben. Auch wenn das Wohnen und Schlafen im Deutzer Zentralwerk im Winter eher schwierig erscheint, geben sie unter diesem Motto drei Künstlern technische und kreative Unterstützung bei einem abendfüllenden Projekt– und präsentieren unter dem Namen „Alleswastanzt-Stückemarkt“ im März die Ergebnisse. Darunter etwa ist der junge Folkwang-Absolvent David Pollmann, der in seiner Arbeit Bildende Kunst, Performance, Installation, Video und Tanz verbindet. Seine Arbeit „passing lines“ bewegt sich zwischen Installation und Performance und wird bald auch im Tanzhaus NRW in Düsseldorf ausgestellt: Drahtskulpturen werden durch einen Tänzer bewegt und ergänzen die Bewegungen. Pollmann beschäftigt die Frage: Wie wirkt Kunst auf den Betrachter, wenn sie nicht im Museum ausgestellt wird? Mit der Schauspielerin von Substanzen, Kathrin Wankelmuth, plant Pollmann im Deutzer Zentralwerk auch sein nächstes Projekt „spectators only“: mit einer Kamera kann man sich 12 Minuten lang mit dem eigenen und einem fremden Videobild konfrontieren – eine Art voyeuristischer Meditation. Aber auch zwei Tanzkompanien nutzen die „Residenz“ in Köln: Die Kompanie „mintrotundschwarz“ aus Leipzig erarbeitet mit der hoffnungsvollen jungen israelisch-Kölner Choreografin Reut Shemesh mit „Big Bodies“ einen Abend über die Grenzen unseres Körpers, wo mit einem „Flex-Fit-System“ seine Haltbarkeit getestet wird. In „Shades of Grey“ untersucht das Brachlandensemble, wie empathisch Menschen sind – und fordern den Zuschauer zum „Reak“-Tanz auf.

„Wir haben einfach Lust, für Köln einen interessanten Ort für Kunst zu schaffen"

Die einzigen, zu denen raum13 nach wie vor kaum Kontakt hat, ist ein großer Teil der Tanzszene, jene, die damals auch das von raum13 gestaltete Tanzhaus in einer Fabrikhalle in Mülheim „boykottierten“. Immer noch wird da verächtlich von „Gebrauchtwarenladen“ gemurmelt und von „Selbstverwirklichung“. Anja Kolacek und Marc Leßle zucken, wenn man sie damit konfrontiert, müde mit den Achseln, „Wir haben einfach Lust, für Köln einen interessanten Ort für Kunst zu schaffen, den es so nirgendwo gibt, wir haben keine Zeit, uns mit irgendwelchen Befindlichkeiten zu beschäftigen“. Allerdings hat man das Gefühl, dass sie bewusst wegkommen wollen von dem Image, das Deutzer Zentralwerk sei ein reiner Tanz-Ort und den Schwerpunkt verstärkt auf Kunst, Musik und Theater legen.

Auch als Party-Veranstaltungsort wäre das wundersame Gebäude sicher geeignet, aber Kolacek und Leßle scheuen sich bislang – bis auf vereinzelte Vermietungen an Graphik-Designer oder Filmproduktionen – es außerhalb der Kunst zu nutzen, auch wenn sie das Geld sehr nötig hätten. Was würde das jedoch besser wettmachen als ihre geradezu grenzenlos wirkende Energie.

DOROTHEA MARCUS

TERMINE IM MÄRZ: DEUTZER ZENTRALWERK DER SCHÖNEN KÜNSTE,„SPECTATORS ONLY“, 22. 3., 19:30 ERÖFFNUNG, DAVID POLLMANNAUS ESSEN/MUSEUM FOLKWANG/RAUM13, 22.3. BIG BODIES / COMPAGNIEMINTROTUNDSCHWARZ AUS LEIPZIG / LOFFT LEIPZIG / RAUM13,23. 3., 20:00 UHR SUBSTANZEN, RAUM13, 24. 3., 20 UHR SHADES GREY // URAUFFÜHRUNG VOM BRACHLANDENSEMBLE / RAUM13

 









RAUM13 ZU STUDI054

„Substanzen", Uraufführung von raum13 im Deutzer Zentralwerk der Schönen Künste, ist eine stilvolle Untersuchung des Rauschs, die die verheerende Wirkung medial und künstlich erschaffener Ikonen und Ideale auslotet.
Tragisch ist die Geschichte von Odette, dem Schwanenmädchen aus Tschaikowskys „Schwanensee", das an ihr dunkles Ebenbild nicht nur ihre Liebe, sondern auch sich selbst verliert. Tschaikowskis berühmte Melodie klingelt aus einer kindlichen Primaballerina-Spieluhr auf dem weißkahlen Bühnenboden. Außerdem sind eine Trommel, zwei silberne Taschen, ein Eisbärenfellteppich und eine Kleiderstange mit Tutus und Glitzerklamotten in den Raum gestreut. Hinter einer Glasfront toben sich die Darsteller Kathrin Wankelmuth und Florian Lenz aus wie in einem übergroßen Kinderzimmer: Probieren Kleider und Perücken an, hüpfen zu Musik von Zweiraumwohnung und lachen über Sätze wie: Werd endlich mal erwachsen! Doch entpuppt sich die kindliche Leichtigkeit bald als überdosierter Rauschzustand. Lasziv räkeln und schminken sie sich vor einer Kamera, deren Bilder mal live, mal irritierend voraufgezeichnet auf eine große Leinwand projiziert werden. Das ergibt spannende Momente. Nach einer Stunde bunten Treibens stellt man fest: Unterhaltsam! Aber was nun? Und da passiert es: Die Gestylten treten Sekt schlürfend und besoffen hinter der Glasscheibe hervor. Arrogant poltrig entschuldigen sie sich für die Verspätung, aber schließlich stünden sie über der Zeit. Ständiger Begleiter ist das Mikrofon, das schon zuvor jedes Geräusch auch für den Zuschauerraum hörbar machte, es duplizierte und nachhallte. Doch nicht nur die kluge Verwendung der entfremdenden Medien macht deutlich, worum es bei „Substanzen" geht: Nicht allein um halluzinogene Drogen, sondern vor allem um Künstlichkeit. Da wird der Rotkäppchen-Sekt zu Champagner, Marlboros zu dekadenten Sobranie-Zigaretten und Menschen zu „Dekopuppen". Dass hier mehr Schein als Sein Bestand hat, wird den Ausgenüchterten schmerzlich bewusst, als sie auf dem Boden krabbelnd nach sich selbst suchen und panisch feststellen: „Ich bin ja gar nicht!"
Nach der Pause zeigen die Schauspieler zu Joy Division, Violent Femmes und The Velvet Underground ihre professionelle Tänzervergangenheit. Extatisch wild, fast in Trance werfen sie mit ihren Gliedmaßen um sich, verbiegen und wälzen sich auf dem Boden, geben sich mit Märchen-Zitaten dem Realitätsverlust hin - die Schwelle zur unglücklichen Vereinsamung ist nicht weit. Immer wieder begleitet das Schwanenlied die derangierte Ballerina, die im wahrsten Sinne Kopf steht und immer wieder ineinander fällt. Zwischen Liebeswillen und rauschhafter Leidenschaft sind die beiden Darsteller Kunstfiguren, Hüllen ohne Inhalt. Die Inszenierung von Anja Kolacek und Marc Leßle beackert hier zwar ein oft bemühtes Themenfeld, wird aber nicht zu plakativ. Ohne viele Worte, bildhaft und bewegt verkörpern die charismatischen Darsteller junge Menschen, die dem Leistungsdruck erliegen und sich in Fantasiewelten flüchten. Wenn Lenz dann einlädt: „Komm mit nach Alice. Ich bringe uns ins Wunderland",möchte man selber mit.









EICHMANN UND PORNO

Wo früher in der Deutz AG Motoren gebaut wurden, treffen sich heute unter der Regie von raum13 Künstler verschiedener Richtungen. Zur Zeit findet im „Deutzer Zentralwerk der schönen Künste" für zwei Monate ein spannender Theaterschwerpunkt statt.
Kalt wie die Luft im leeren Bürotrakt der Deutz AG ist die Atmosphäre. Im langen Flur ist neben Gasöfen, die flackernd etwas Wärme abgeben, das grelle Neonlicht des Treppenhauses einzige Lichtquelle. Ein offener Teil des Korridors ist die Bühne, schon aus der Ferne dröhnen Boxen. Zu hören sind Tonbänder vom Eichmann-Prozess 1961. Regisseurin Anja Kolacek lotet in ihrem Stück „Eichmann" vor der beklemmenden Kulisse alter Büroräume die Möglichkeiten aus, sich dem Schreibtischtäter und „Manager des Todes" Eichmann zu nähern. Zwei Details machen diese Auseinandersetzung besonders spannend: Zum einen sind Quellen Grundlage für den Theatertext. Das Springen zwischen Eichmann-Verhören 1960 in israelischer Haft, Interviews und seinen Memoiren offenbart vor allem eines: Eichmann, der für die Deportation von mehr als fünf Millionen Juden verantwortlich war, war gut im Verdrängen. „Ich saß am Schreibtisch, machte meine Sachen. Ich habe nie selbst, immer nur im Auftrag entschieden." Zum anderen stellt der Schauspieler Florian Lenz für das Portrait eines Massenmörders eine interessante Reibung dar. In Shirt, Strickjacke, Jeans und ohne Schuhe mimt er rauchend und auf einem leder-goldknöpfigen Zweisitzer liegend den angetrunkenen Eichmann. Der charismatische 27-Jährige mit asymmetrischer Frisur schafft es, hinter dem kalten Wesen Eichmanns auch die sensible Weinerlichkeit der heutigen Generation vorscheinen zu lassen. So schreit und weint er am Ende Eichmanns Verteidigung vor Gericht aus sich heraus, als wäre er Richter, Täter und Opfer in einer Person. Nach beklommener Stille dann großer Applaus.

So verstörend dieser Abend, so provozierend der andere. Handschellen, Peitsche, Phallus-Luftballons, formähnliche Gemüse, ein Glas Milch - dies ist nichts für Verklemmte. Im Wiener Gastspiel von Regisseurin Fanny Brunner „Pornorama - Ein Männermärchen" demonstriert Karen Köhler pornografische Praktiken am eigenen Leib. Mit ihrer Assistentin, die braune Gummipuppe Lulu, und einer Zucchini stellt sie Szenen nach, erläutert Unterschiede sexueller Erregung bei Mann und Frau, reicht Bananen, Brusthaartoupets und Porno-DVDs als Anschauungsmaterial herum. Doch ihre „Lecture-Performance" öffnet auch den Blick für die Abgründe. Mit Fakten über die größte Industrie der Welt weiß sie das verlegene Kichern jäh zu unterbinden. Ein jährlicher Umsatz von 97 Mrd. US-Dollar und 8 von 10 Internet-Klicks gehen an die Pornoindustrie. Das überleben nur wenige - über eine Leinwand läuft ein nicht enden wollender Film mit Bildern jung verstorbener Pornodarsteller, deren Durchschnittsalter gerade mal 37 beträgt. Köhler begegnet der Absurdität der Branche mal mit Witz, mal mit Unverständnis oder Verzweiflung: „Wie soll man Extreme noch steigern? Da bleibt doch nur Gewalt!" Bittere Erkenntnisse wie diese wirken in komödiantischer Atmosphäre umso härter. Die Hamburgerin stöckelt mit roten Pumps, pinker Strumpfhose und Selbstironie um ihr Sex-Toy-Sammelsurium herum und ist fantastisch hemmungslos.

AKT // ROMY WEIMANN TERMINE IM JANUAR: DEUTZER ZENTRALWERK, EICHMANN, 28.






Raum für Kultur - „Ich gebe dir Platz, du machst was draus.“
Eins ist bei raum13 schon immer klar: „Wir wollen Berührungspunkte schaffen – Orte an denen sich die Akteure direkt über den Weg laufen.“ Das sagt Anja Kolacek inmitten von Baumaterial im neuen „Deutzer Zentralwerk der Schönen Künste“. Eins an dem Namen ist auch sofort klar: „Deutzer Zentralwerk“ steht nicht etwa für einen rechtsrheinischen Höhenflug angehaucht von sozialistischer Planwirtschaft. Vielmehr nimmt dieser protzige Name konkret Bezug auf die neuen Räumlichkeiten, die die beiden Gesichter hinter „raum13“ seit diesem Jahr „zwischennutzen“. Immerhin haben Anja Kolacek und ihr langjähriger Mitstreiter Marc Leßle den gesamten ehemaligen Hauptverwaltungskomplex der KHD zur Verfügung bekommen, um den ungenutzten Orten neues Leben einzuhauchen. KHD heißt Klöckner-Humboldt-Deutz, wird auch heute noch als die „Wiege der Weltmotorisierung“ bezeichnet und umfasst im Endeffekt alle alten Gebäude zwischen Deutz und Mülheim, parallel zu Rhein, Jugendpark und Mülheimer Hafen. Kurz: Ein riesiges Gelände, das Anfang 2007 endgültig zum wirtschaftlichen Erliegen kam und auf weiten Flächen schon längere Zeit auf seine Wiederauferstehung wartet. Diese beeindruckende größte Brachlandschaft in Köln mit ihren zahlreichen Baudenkmälern erlebt nun in ihrem ehemaligen Herzstück mit dem Engagement von raum13 eine neue Blüte.
Anja und Marc sind bereits erprobt darin, einen großen Gebäudekomplex für eine bestimmte Zeit „zwischenzunutzen“. Das „Kölner Tanzhaus“ in Mülheim war ihr Interimsprojekt bis Mitte 2010 und bis dahin ein großer Erfolg. Im Auftrag der Stadt bespielten die beiden und viele Unterstützer ein Jahr lang zwei Hallen an der Schanzenstraße und hatten nicht nur beim Tanzgipfel „alles was tanzt“ ein beachtliches Publikum.
Mit dem neuen Projekt besinnen sich die beiden nun zurück auf ihre Ursprünge. „Wir bringen junge Kunst an ungewöhnliche Orte, bringen kreative Menschen zusammen und kreieren so nicht selten etwas ganz Neues“, fasst die ausgebildete Tänzerin und Tanzpädagogin, Choreographin und Theaterregisseurin zusammen. Dabei ist gerade das Interdisziplinäre, „alles in einen Einklang zu bringen“, ihr ehrgeiziges Anliegen. Marc, der als Bühnenbildner und Bühnenbauer, Lichtgestalter und Beleuchter nicht nur das technische Wissen einbringt, hält dagegen auch stets neue Konzepte und Perspektiven für raum13 parat. Die vielfältigen Räumlichkeiten des Deutz-Mülheimer „Gebäudemonsters“ (streng genommen gehört das Gebäude schon zum Stadtteil Mülheim) lassen gerade viel Spielraum für neue Ansätze. „Experimentelle, aber auch politische Kunst, jenseits jeglicher Grenzen bieten sich hier geradezu an. Wir werden unsere Idee hier eine echte Plattform und Schnittstelle für Kultur aller Arten zu etablieren weiter vorantreiben.“
Ab dem 17. September wird sich „Das Deutzer Zentralwerk der Schönen Künste“ einer noch breiteren Öffentlichkeit präsentieren. Dann beginnt mit dem insgesamt schon dritten Kölner Tanzgipfel „alles was tanzt“ die Spielzeit 2011/2012. Und auch hier gilt: „Ich gebe dir Platz, du machst was draus.“ Aus einem ehemaligen Verwaltungsschlauch wird beispielsweise eine Spielwiese so ziemlich aller Tanzarten der Welt. Auf einem riesigen Konferenztisch – aus Holz und von solcher Dimension, dass man die Bonsen des ehemaligen Weltkonzerns noch förmlich ihren Kaffee aus hochwertigen Porzellan-Bechern schlürfen sehen kann – wird neben Plattentellern weiteres DJ-Equipment ausgebreitet. Ein anderer Raum besticht nur noch durch „Leere“ und ein oder zwei Spinte. „Dort noch einen Spiegel hin und dort drüben die Lichtinstallation und fertig ist die nächste Bühne“, grinst Marc. Warum er grinst?
raum 13 und null22eins haben etwas gemeinsam: Wir schaffen die Bühne für Dinge, die zum größten Teil eh schon existieren, nur noch nicht wahrgenommen werden. null22eins versteht sich selbst als Bühne dafür – in gedruckter Form, für eine breite Masse Kölner. raum13 nimmt das Ganze, zumindest vom Namen her, etwas wörtlicher: Anja und Marc machen „Raum“ zur Bühne.






Junge Künstler in die Fabrik // Choises // Hans-Christoph Zimmermann // Juli 2011

Ein Gespräch mit Anja Kolacek und Marc Leßle von raum13 über den Produktionsraum „Deutzer Zentralwerk der Schönen Künste"

Der Name KHD oder Klöckner-Humboldt-Deutz AG gehört wie Ford zu den großen imagebildenden Industrieunternehmen in Köln. Der 1864 gegründete Motorenhersteller hat mehr als 140 Jahre die Stadtteile Deutz und Mülheim geprägt, wo neben Motoren auch LKWs, Lokomotiven, Omnibusse oder Landmaschinen gebaut wurden. 2007 verließ KHD seinen Stammsitz und siedelte nach Köln-Eil über. Seit dem stehen Verwaltungsgebäude und Produktionsstätten an der Deutz-Mülheimer Straße leer. Seit März 2011 haben sich Anja Kolacek und Marc Leßle mit ihrem Label raum13 in dem gewaltigen Komplex eingemietet und richten Räume sowie Spielstätten für die freie Szene her.

choises: Wie bedeutet der Name „Deutzer Zentralwerk der Schönen Künste“?

Kolacek: Wir wollen darauf hinweisen, dass hier Motoren gebaut wurden, außerdem wollten im Namen den Bezug zum Stadtviertel drin haben. Die Gruppe Raum 13 arbeitet seit Jahren spartenübergreifend. Unser Traum ist, dass sich verschiedene Künste treffen und miteinander kommunizieren, deshalb wurde daraus dann Deutzer Zentralwerk der Schönen Künste.

choises: Es gibt die Forderung der früheren „Impulse“-Macher Matthias von Hartz und Tom Stromberg, weniger in feste Häuser als in künstlerische Gruppen zu investieren. Braucht Köln eine weitere Spielstätte?

Leßle: Köln braucht mit Sicherheit nicht noch ein kleines Nischentheater. Wir werden hier auch keine Spielstätte, sondern ein Produktionszentrum bereitstellen.

Kolacek: Es gibt viele junge Künstler in der Stadt, die Räume brauchen, um ihre Projekte realisieren zu können. Wir wollen zum Beispiel einem Künstler für sechs Wochen Räume zur Verfügung stellen, damit er seine Videoinstallation hier aufbauen und ausstellen kann. Danach kommt der nächste Künstler. Man kann hier vor Ort produzieren, aber es wird keinen Theaterbetrieb geben, der jeden Tag ein anderes Programm anbietet.

Leßle: Wir haben das ganze Gebäude zur Zwischennutzung für Kunst und Kultur gemietet. Das Gebiet vom Mülheimer Hafen  bis zur Zoobrücke soll im Rahmen der Regionale 2020 umgewandelt werden.

coises: Was für Räume sind das und in welchem Zustand sind sie?

Kolacek: Vom zentralen 80er Jahre Foyer samt Treppenaufgang mit Marmorausstattung gehen verschiedene Gebäudetrakte ab. Ein Teil stammt noch von 1876. Dann haben wir Bürotrakte aus den 60er Jahre mit Holzvertäfelung und schweren Holztüren, aber auch Büros mit relativ moderner Ausstattung, die noch um das Jahr 2000 umgebaut wurden.

Leßle: Es sind vor allem Büroräume, vom Großraumbüro bis zu kleinen Büro. Wir haben gerade ein Studio in der Größe der Orangerie hergerichtet mit knapp 230 qm, also 23 mal 9 Meter bei 4,20 Meter Deckenhöhe. Das kann man als Probenraum oder als Tanzstudio nutzen.
 
Kolacek: Dazu gibt noch eine Bühne im Hof und eine große Halle in einem Seitentrakt, die wir mit Strom, Scheinwerfern, Toiletten instand gesetzt haben. Den Rest muss man sich erobern. Wer selbst etwas instand setzt, mietet natürlich zu anderen Konditionen als jemand, der einen fertigen Raum haben möchte. Es geht hier allerdings nicht darum das Gebäude umzubauen, sondern dass alles, was an Kabeln, Tonanlagen, Licht investiert wird, auch wieder in zwei LKWs abtransportiert werden kann.

Choises: Wie wird das finanziert?

Kolacek: Alles was hier drin ist, gehört entweder uns privat oder ist vom Technikpool der Stadt angemietet. Und das reicht erst einmal aus, um das Foyer, das Studio, den Hof, die Halle, den Treppenaufgang oder die Toiletten zu bespielen. Wir haben verschiedene Förderanträge bei der Stadt, beim LVR, bei der Rheinenergie Anträge gestellt, um drei Stellen für Organisation, Technik und Pressearbeit zu schaffen.

Leßle: Derzeit bekommen wir noch keine Förderung, für den Basisbetrieb aber rechnen wir mit einem Bedarf von 120.000 Euro als Minimum.

choises: Was soll hier drin stattfinden?

Kolacek: Wir haben einen Schwerpunkt auf der Nachwuchsförderung. Junge Künstler sollen wir produzieren können. Beispielsweise Tänzer und Choreographen wie Reut Shemesh, Arthur Schopa, der Musiker Nico Stallmann oder der Regisseur Benjamin Schad, der an der Kölner Oper „The Turn of the Screw“ inszeniert hat. Dann werden wir unsere eigenen Arbeiten hier produzieren. Auch der „Alles was tanzt“-Gipfel, über den wir Residenzen an drei junge Choreographen vergeben, soll hier stattfinden. Wir  werden unser Format Polilog weiterführen. Einmal im Monat soll unsere „Suppenküche“ stattfinden, bei dem Künstler ihre Projekte vorstellen; in einer „Tischgesellschaft“ wollen wir Vertreter aus Wirtschaft, Recht, Medien und Kunst zusammenbringen und daraus einen Unterstützerkreis entwickeln.

Leßle: Wir haben außerdem Anfragen von Filmfirmen, die hier drehen oder temporär Büros mieten wollen. Mitte Juli wird ein Filmprojekt der Kunstfilmbiennale hier eine Woche lang  mit Gymnasiasten arbeiten.

Choises: Wieviele Produktionen sollen hier pro Jahr gezeigt werden?

Kolacek: Acht bis zehn Produktionen, die betreut und en bloc gespielt werden und ein Festival, mehr werden wir nicht schaffen und mehr können wir uns auch nicht leisten…

Leßle: … oder eine Ausstellung oder eine Präsentation der KHM…

Kolacek: …und außerdem beteiligen wir uns an der langen Theaternacht, der Nacht der Museen und den Passagen, das ist aber dann eher ein Extra.









Ein neues Kunstquartier in Köln? „Ja, im vergessenen Os­ten Kölns", bemerkt Marc Leß­le mit einem Lachen. Gemein­sam mit Anja Kolacek brachte Marc Leßle vor einem Jahr Le­ben in die von der Stadt Köln angemieteten Hallen in Mül­heim, in denen dann doch kein Tanzhaus realisiert wurde. Aber die beiden haben unter ihrem Label raum13 schon zahlreiche Tanz- und Perfor­mance-Aktionen gezeigt, und sie bleiben unermüdlich auf der Suche nach neuen Orten für die freie Kunst.

Gleich 200 Meter hinter dem Gebäude 9, das schon zu den etablierten Kunststationen der Szene gehört, fanden sie mit der ehemaligen Hauptverwal­tung der KHD-Werke an der Deutz-Mülheimer Straße eine Industriebrache von giganti­schem Ausmaß. Das Gelände mit Gießerei und Fertigungs­hallen umfasst Tausende Qua­dratmeter Fläche.

Mit einer kulturellen Nut­zung wird man sich verheben, wenn sie nicht im großen Stil angegangen wird. Aber der Bürotrakt gleich zur Straße hin bietet eben eine Raum­landschaft mit größeren und kleineren Büros mit Teppich­boden, die jetzt leer und tro­cken auf eine intelligente Nut­zung warten.

Zwei Studios für Tanz und Training, haben Kolacek und Leßle schon ausgestattet; beide Räume besitzen ­jeweils die Größe des Theaterraums der Orangerie. Außerdem gibt es einen Hof und breite Einfahrten, auf denen schon ein Bühnenboden installiert ist. Hier soll ein „Laboratorium“ entstehen, in dem unterschiedliche künstleri­sche Substanzen miteinander in Kontakt gebracht werden, und zu etwas völlig Neuem reagieren können", erklärt An­ja Kolacek mit unüberhörba­rer Euphorie in der Stimme. Tatsächlich drängt sich ange­sichts des guten Zustands der Büros und Treppenhäuser eine Nutzung durch die ver­schiedenen Künste vom Tanz dem Theater, der Musik, der bildenden Kunst oder digitalen Medien direkt auf. Residenzen und Atelierbetrieb sind vor­stellbar, denn hier wird man auch im Winter arbeiten kön­nen.

Einen pompösen Namen für das noch im Säuglingsstadium befindliche Projekt gibt es auch schon: „Deutzer Zentral­werk der Schönen Künste" soll der Komplex getauft werden, wenn man der Ideenschmiede von raum13 folgt. In Anbin­dung an die Messe und das Staatenhaus würde der neue Ort durchaus eine Attraktion für Deutz darstellen.

Damit sich die Kölner mit diesem vergessenen Winkel der Stadt wieder akklimatisie­ren können, lassen Kolacek und Leßle ihre neue Inszenie­rung „Tretet ein, denn auch  hier sind Götter!" durch das Industrieareal mäandern. Thema werden die Weltregio­nen und die Frage nach dem verlorenen Ring aus Lessings „Nathan der Weise“ sein. Für den 18. Juni ist die Urauffüh­rung des Stücks an der neuen Spielstätte geplant. Man hofft auf viel Publikum, das Areal ist leicht zu finden.

Deutz-Mülheimer Str. 147-149. Karten-Tel. 0221/42 32 185 www.raum13.com

 






raum13 Deutzer Zentralwerk der Schönen Künste // Tanz // Arnd Wesemann

ANJA KOLACEK
und Marc Leßle halten die Kölner auf Trab. Nach dem Tanzhaus interim, das die Szene als einen unlauteren Vorstoß gegen die Realisierung eines eigenen Tanzhauses ansah - ohne dass irgendjemand das endlich mal ,wahr macht -, sind die beiden Avantgardisten schon wieder fündig geworden, diesmal im Stadtteil Deutz.
„Zentralwerk der Schönen Künste“ nennen sie ihren Performanceort, und der verzichtet, weil sie so heftig geprügelt wurden, auf Spartengrenzen. Etwas trotzig heißt es dennoch, die „Schwerpunkte liegen beim Tanz und der jungen Szene“.

In der ehemaligen Hauptverwaltung der Klöckner-Humboldt-Deutz-Werke öffnen sie die Pforten am 18. Juni, ganz programmatisch. Ihr Motto lautet: „Tretet ein, denn auch hier sind Götter!“, was den Katholiken in Köln sehr gut gefallen wird, zumal die beiden „eine Messe mit alten und vielleicht zukünftigen Ritualen“ und „Exerzitien der manchmal anderen Art“ abhalten wollen, um „im schlimmsten Fall eine neue uncommode Religion zu gründen -nämlich die eines unfehlbaren Tanzglaubens, der trotz oder wegen Verfolgung durch Politiker und Provinzler, durch ältere Kollegen und uralte Ressentiments sich durchsetzen wird: Tanz ist in Köln vor allem Glaubenssache, und die braucht eine Kirche für eine «einmal werdende Kölner res publica der Künste und des Denkens». Voilä! In der Deutz-Mülheimer Straße 147-149 ist sie zu finden.






05 akt 25     Juli ’11 Prämiert

Sinnhäppchen und Abendmahlgurgeln
raum13 eröffnet mit „Tretet ein, denn auch hier sind Götter!“
das Deutzer Zentralwerk der Schönen Künste

Die Prozession der Zuschauer beginnt im riesigen Treppenhaus, wo Kölner Bürger auf Bildschirmen Sinnfragen beantworten – die man leider weder richtig hört noch erfassen kann. Weiter geht es im 2. Stock, ein weißer Raum mit großen Fenstern, die einen Blick auf Deutzer Industrie-Idylle erlauben. Rauchende Schornsteine, kaputte Fensterscheiben, hier und da ein Graffiti an der Wand, doch um die Tanzböden zu schonen, werden Füßlinge gereicht. Im Innenhof wartet eine Braut, ganz in Weiß, die auf der weißen Bühne umringt wird von acht Tänzern mit Trommeln, leicht bekleidet in Rot und Schwarz. Wie eine Herde Schafe folgen wir Zuschauer der Gruppe mit dem treibenden Rhythmus, eingestimmt als quasi-religiöse Kultgemeinschaft. Die Gruppe stoppt, die untergehende Sonne im Rücken ruft der Chor: „Jetzt ist Zeit“. Ein Motto, das auch Anja Kolacek und Marc Leßle, die Gründer des neuen Kunsthauses für Köln, auf Aufkleber und T-Shirts haben drucken lassen. Das Deutzer Zentralwerk der Schönen Künste soll das neue kreative Zentrum von raum13 werden, zuerst auf drei Jahre begrenzt. Das Gelände an der Deutz-Mühlheimer Straße hat mehrere tausend Quadratmeter Nutzfläche, halb verfallene Lagerräume reihen sich aneinander und strahlen jenen Backstein- Chic aus, für den man gewöhnlich ins Ruhrgebiet fährt. Das Stück „Tretet ein, denn auch hier sind Götter!“ eröffnet die Zeit in diesem neuen Kunsthaus. Die Prozession, allen voran die Braut, endet schließlich in einem langen, dunklen Maschinensaal und verwandelt sich in ein zumeist simultan getanztes Szenario über Religion und Rituale: die Braut ist mal Angebetete, mal Sektenführerin, dann wird sie wie ein Tier von den anderen zerfleischt.
„Auf zum Paradies, wir sind exklusiv“ ruft der Chor und zählt auf, wer alles anerkannt wird: Karl Marx, Brad Pitt, Charles Manson, Steffi Graf… Welche Religion darf es
sein: Kapitalismus, Sozialismus, Egoismus…? Die Liste ist beliebig und banal und schrammt an der Grenze zur Peinlichkeit.
Und erzählt doch etwas über heutige Patchworkreligion und die Sucht nach neuen Kulten. Mit aufgerissenen Mündern und zum Himmel gestreckten Armen geht es weiter, Geige und Schlagzeug von Nico Stallmann und Frank Brempel sorgen für treibende Musikbegleitung, die im unheimlichen Raum auf eine fantastische Akustik trifft. Glaube und Religion sind ein gewaltiges Thema, an dem man sich schnell überheben kann. Anja Kolacek und Marc Leßle bearbeiten das Thema mit Bewegungssystemen aus verschiedenen Zeiten und erzählen eine kleine
Geschichte der Rituale: es beginnt mit klassischen Ballett-Positionen, die ja zu Zeiten der Aufklärung auch das Streben nach dem Göttlichen versinnbildlicht haben, später meint man, Elemente aus Labans Bewegungslehre oder indische Tempeltänze zu erkennen. Im Kollektiv schminkt man sich die Lippen rot, geht streng abgezirkelte Bodenmuster ab, die an Kirchgänge erinnern. Immer wieder entstehen starke Bilder, wenn etwa die Braut den am Boden liegenden Tänzer feierlich einen roten Saft einflößt, mit dem sie auf einmal zu gurgeln beginnen – eine dumpfe, fremde Art von Musik zu einem befremdlichen Abendmahl. Der Mensch schafft sich seine Rituale selbst und erhebt sie zum Gesetz. Religion gibt Halt, kann aber zu Zwang oder zerstörerischem Wahn werden, der zugleich ironisiert wird: mit blinkenden, ferngesteuerten Helikoptern zu Wagners Götterdämmerung, ein ironisches Zitat aus Coppolas „Apocalypse Now“. Die körperlich sehr präsenten Tänzer bleiben nicht geschont und erinnern in der zwanghaften Choreografie dennoch manchmal an ein seichtes Fernsehballett. Und zugleich erkennt man darin das rauschhafte, sektenhafte Aufgehen in die Masse, die schließlich einen Hirschgott anbeten – immer und immer wieder mit den gleichen mechanischen Bewegungen in der langen Halle vor und zurückprozessieren. Können Religionen im 21. Jahrhundert Antworten geben? Das war die Frage, die Kolacek und Leßle beantworten wollten. Allenfalls erzählen sie jedoch, dass es immer noch eine Sehnsucht nach Göttern und formalen Haltepunkten gibt. Doch auch wenn sich der Abend kamikazehaft übernimmt in seinem Anspruch, bleibt es ein reizvolles, bildermächtiges Stück an einer aufregenden neuen Spielstätte. Henriette Westphal /Dorothea Marcus






VOM OTTO-MOTOR ZUR KUNST-FACTORY
RAUM13, ANJA KOLACEK UND MARC LESSLE, ERÖFFNEN DAS „DEUTZER ZENTRALWERK DER SCHÖNEN KÜNSTE“

Man muss sie als leicht wahnsinnig bezeichnen. Anja Kolacek und Marc Leßle von raum13, die vor genau einem Jahr eine große, leere Halle in Mülheim als Tanzhaus Köln Interim aus dem Nichts erschufen und es drei Monate lang bespielten, bevor vom Rat das Ende des Projekts beschlossen wurde, haben ein neues Baby gefunden. Aber es ist eine Art von Verrücktheit, die visionär wirkt und das Zeug hätte, einen völlig vergessen
wirkenden Ort in Köln zu einer neuen, spannenden Kulturstätte zu machen. Ohne jede finanzielle Hilfe der Stadt renovieren und erschaffen die beiden gerade das „Deutzer Zentralwerk der Schönen Künste“. So vollmundig haben sie ihr aktuelles Kunstprojekt auf dem Gelände der ehemaligen Deutz AG getauft. Dort, wo Ende des 19. Jahrhunderts die Prototypen des Otto-Motors übers Band liefen, sieht man heute stillgelegte, pittoresk verfallene Industriehallen, zerborstene Scheiben, Graffitis hinter wucherndem Grün. Weiträumig ist es, drei Stockwerke umfasst es, endlose Gangfluchten, alte, holzgetäfelte,
edle Büroräume und Sitzungssäle, in denen die Deckenplatten abfallen, „Wir haben hier sogar Briefpapier aus den 60er-Jahren gefunden“, erzählt Marc Leßle. Der Fahrstuhl ist außer Betrieb, darin soll eine Lichtsäule strahlen. Im dritten Stock ist schon der Probenraum fertig: eine lichtdurchfl utete Halle mit weitem Blick auf Köln. An ihr neues Megaprojekt gekommen sind Kolacek und Leßle, weil im Herbst letzten Jahres, nachdem das Tanzhaus
begraben schien, der Vermieter der Industriebrache auf sie zukam. Zunächst geht es um eine Zwischennutzung, dann sollen hier möglicherweise Wohnungen entstehen. Aber vielleicht ist das „Deutzer Zentralwerk der Schönen Künste“ dann ja auch schon so etabliert, dass es andere Künstler angezogen hat, das Viertel aufwertet – und sogar erhalten bleibt. Doch das ist Zukunftsmusik. Jetzt wird erstmal gearbeitet. In die halbrunde Fensterfront der Eingangshalle soll eine Bar gebaut werden, in den Innenhof eine Bühne. Und zugleich wird geprobt: Denn das Zentralwerk, das nach Anja Kolacek als „Ideen-Werkstatt, Talent-Schmiede und kreatives Zentrum“ gedacht ist, soll bereits am 18. Juni mit einer Tanz-Premiere eröffnet werden. „Tretet ein, denn auch hier sind Götter“ ist eine Performance über Religion, mit einer neuen Kompanie von Tänzern aus Israel, Kolumbien, den Niederlanden, Italien und Griechenland und natürlich Köln. Eine Art Messe, die über das Gelände führt, in der Rituale vollführt, Exerzitien betrieben, und zum Schluss sogar eine neue Art von Religion gegründet werden soll. Begleitet wird die Performance von der „Polisbox“, kleine Videobildschirme, die die Rechercheinterviews aus dem Stadtraum zeigen. Wie möchtest du sterben? Was noch vorher erledigen? Was bedeutet Freiheit für Dich? So lauten etwa die existentiellen Fragen, die nicht nur Passanten, sondern auch Pfarrern oder Bürgermeistern gestellt wurden und auch auf der Internetseite www.polisbox.de zugänglich werden sollen. „Wir arbeiten an einer Art Web-Theater 2.0: ein Bühnenstück, das im Internet stattfindet, zeitgleich live im Stadtraum erfahrbar ist und sich während dessen weiter schreibt“, sagt Marc Leßle. Das „DZK“ soll übrigens nicht nur dem Tanz offen stehen, sondern bewusst allen Künsten und dem politischen Diskurs. Geplant sind Residenzen, Partyreihen, Workshops, eben ein „Kunstlaboratorium“, das in den Stadtraum eingreift.
Einige Formate, die Kolacek und Leßle planen, kennt man schon aus den drei Monaten Tanzhaus Interim: etwa die Suppenküche, die monatlich Kölner Künstler zum kreativen Gedankenaustausch versammelt, der Choreografen-Wettbewerb für Unter-30-Jährige – und nicht zuletzt die „Alleswastanzt-Nacht“, die seit zwei Jahren einmal jährlich Tanzschaffende versammelt. Wahnsinnig ist das Projekt vor allem deshalb, weil raum13 außer Projektgeldern kaum finanzielle Unterstützung hat. „Zum Glück helfen uns Kontakte, die wir während unserer langjährigen Theaterarbeit aufgebaut haben“, erzählen die beiden. David Heller vom „Kölner Reinigungs-Team“ etwa hat eine Putzkolonne durch die weitläufigen Säle und das riesige Treppenhaus geschickt und die Fensterfront im Foyer gereinigt. Veranstaltungstechnik besitzen die beiden selbst, und Regieassistenten, Interviewer, Ausstatter, Medienkünstler, Musiker, etc. sind teilweise befreundete Künstler, die zum gewachsenen Netzwerk von raum13 gehören. Sie sind ebenso infiziert von der Idee der neuen Kunst-Factory wie Kolacek und Leßle. selbst. Wenn alles fertig ist, müsste sich das Gelände
auch hervorragend vermieten lassen: es ruft in seiner
verlebten Schönheit geradezu nach Parties, Mode-
Shootings oder Drehtagen. Aber vor allem ruft es nach
spannender Kunst. DOROTHEA MARCUS

ERÖFFNUNG UND PREMIERE VON „TRETET EIN, DENN AUCH HIER SINDGÖTTER“ AM 18. JUNI 2011, DEUTZ-MÜLHEIMER STRASSE 147-149. KARTEN: INFO@RAUM13.COM, 0221-4232185






Spannend waren die drei Monate auf jeden Fall, jede der gefühlten Weltreisen nach Mülheim lohnte sich: Etwa die Reihe „Zeitzeugen“, in denen in Köln lebende Choreografen mit Hilfe von Videoausschnitten des Kölner Tanzarchivs historische Rückblicke auf legendäre Tänzer warfen. Oder die Idee von raum13, das Interim mit Hilfe eines Community-Dance-Wochenendes zu eröffnen, um sich das Publikum für die nächsten drei Monate heranzuholen. (…)

Bisher in Köln so nicht dagewesen ist “absolute beginners”, eine Plattform junger Choreografen, die sich nach einem zehntätigen Austausch mit Profis auf der Bühne beweisen konnten. 40 bis 50 Bewerber gab es für nur zehn Plätze. Später konnten sie sich mit 13minütigen Beiträgen dem Wettbewerb stellen – das Preisgeld von 1500 Euro stifteten Kölner Bürger. Neu war auch der Profitanz für Menschen ab 60 und die Tatsache, dass in Köln auf einmal ehemalige Kresnik-Tänzer aus Bonn wirkten – das Tanzhaus also Potential hat, die Szene also um spannende Neuzugänge zu bereichern. Ganz zu schweigen von der Halle selbst, die sehr wandlungsfähig ist: von intimer Guckkastensituation bis zum raumgreifenden Rundumbühne. Technisch recht gut ausgerüstet war sie in dieser Zeit und das für wenig Geld. Genauso viel wie an Zuschüssen floss, haben Firmen und Sponsoren nochmals an geldwerten Sachleistungen gespendet, so Marc Leßle: vom Lichtpult über Videobeamer bis zu Lichtsystemen. Das alles wird zur Zeit gerade wieder entfernt. Neben grandiosen Tanzabenden wie „So Lonely“  gab es auch zwei extra für den Ort kreierte Uraufführungen: Ruben Reniers tänzerische Mülheim-Recherche.

Oder die „Verschwörungspraktiker“: eine Zusammenarbeit von (Theater)regisseur Daniel Schüssler mit der ehemaligen Kresnik-Tänzerin Yoshiko Waki, die sich gerade in Köln angesiedelt hat.

(Dorothea Marcus, akt)






Anja Kolacek und Marc Leßle traten erst im letzten Jahr mit ihrem wundervollen Projekt 'Köln tanzt' in der Szene so richtig auf den Plan. Sie sind sympathisch, klug, voller bers­tendem Tatendrang, und sie haben ihr Projekt 'Köln tanzt', bei dem mehr oder weniger jeder mitmachen kann, zum Konzept für das gemacht, was in Mülheim an der Schanzenstraße im Entstehen begriffen ist. Schleunigst errichteten Anja und Marc ihre 'Suppenküche' in den noch leeren Industriehallen, alle sollen sich an einem Feuerchen wärmen. „Auf Runde Tische habe ich keine Lust mehr. Wir machen einfach", sagt Anja Kolacek und fügt hinzu: „Wir befinden uns in einem künstlerisch super spannenden Moment". Aus diversen Richtungen werden Gruppen eingeladen. Noch wäh­rend unseres Gesprächs entsteht die Idee, der Veranstaltungsreihe das Logo „9 1/2 Wochen" zu verpassen. Kontakte zu Firmen werden schon geknüpft, um die Hallen auch über kommerzielle Nutzung mitzufinanzieren. Kolacek und Lessle schlafen nicht. Ein solches Tandem kann noch einmal wichtig für die Szene sein.

(Thomas Linden, Choices)






Stark in der Organisation, denn beiden ist es gelungen innerhalb weniger Wochen die Backstein-Stahl-Glashallen bespielbar zu machen. Sie haben Starkstromkabel verlegt, Scheinwerfer gehängt, einen Notausgang in die Wand geschlagen, sehr engagiert eine Infrastruktur geschaffen. Beachtlich.

(Nicole Strecker, Kölner Stadtanzeiger)






Ein Ort mit Potential
Der neueste Stand in Sachen Kölner Tanzhaus

Die Kölner Kulturszene ist in Aufruhr. Viele Aktionsbündnisse wie „Mut zu Kultur“, „Kölner Komment“ oder „Ihr seid Künstler und wir nicht“ rufen dazu auf, sich aktiv am kulturellen und politischen Leben zu beteiligen. Denn die Stadt hat viele Pläne, die auf der Grundlage
einer schwierigen Haushaltslage in nächster Zeit in Angriff genommen werden müssen. Zu den erfreulichen gehört mit Sicherheit die Errichtung eines Tanzhauses. Seit Mai 2009 hat die Stadt Köln zwei Hallen in Mülheim auf der Schanzenstraße 35 in prominenter Lage
angemietet: auf dem Gelände des E-Werks, neben den Produktionsstudios der Harald Schmidt Show. Dort soll es entstehen: Das seit so vielen Jahren dringend benötigte Haus für den Tanz. Lange Monate standen die Hallen nach der Anmietung erst einmal leer, denn es gibt noch keinen Ratsbeschluss zu diesem Thema. Aber der Kulturamtsleiter Konrad Schmidt-Werthern hofft auf einen solchen zu Anfang des zweiten Quartals. Erst dann weiß man, wie viel Geld zur Verfügung steht; erst dann können die Umbaumaßnahmen beginnen; erst dann kann man mit Hilfe einer bundesweiten Ausschreibung nach einer künstlerischen Leitung suchen. Ende letzten Jahres hat man sich im Kulturamt dann doch entschlossen, die Hallen schon bis zum Sommer 2010 provisorisch zu nutzen. Innerhalb der Kölner Tanzszene
wurde ein Ideenwettbewerb ausgeschrieben. Entschieden hat man sich für ein Konzept von „raum13 – Theater Fraktion Köln“ unter der Leitung von Anja Kolacek und Marc Leßle. Dieses Konzept hat bestochen, „weil es einen kompletten Entwurf für das gesamte halbe Jahr gemacht hat“, so Gisela Deckart, die städtische Referentin für Tanz. Ein Konzept, das die gesamte Bandbreite der Kölner Tanzszene präsentieren möchte. und wie sieht es mit der praktischen Umsetzung aus? Kolacek und Leßle arbeiten seit vielen Jahren zusammen –
sie als Regisseurin und Choreografin, er als Bühnenbildner, Video- und Lichtgestalter. und dieses Mal haben sich die beiden viel vorgenommen. Die Stadt stellt zunächst einmal nur die Räumlichkeiten mietfrei zur Verfügung. Alles andere müssen sie selbst leisten: die gesamte Infrastruktur aufbauen, Genehmigungen einholen, einen Spielplan erstellen, Öffentlichkeitsarbeit machen, Sponsoren suchen und so weiter. Die Finanzierungsfrage
muss sich erst noch klären, aber beide sprudeln über vor Energie, Tatendrang und Ideen. Sie sind begeistert von den Räumlichkeiten und Potenzialen, die in diesem Ort stecken. Von Vorteil ist sicher, dass beide schon lange künstlerisch in Köln tätig sind und Erfahrungen haben mit ungewöhnlichen Räumlichkeiten sowie der Verwirklichung größerer Projekte. 2007 gründeten sie das Künstlerkollektiv raum13. Mit ihm haben sie im Mai 2009 das Projekt „Alles was tanzt“ in den Spichernhöfen ins Leben gerufen. Ein Projekt, bei dem alle Akteure der Kölner Tanzszene – vom Funkenmariechen bis zum zeitgenössischen zeitgenössischen
Tänzer – sich mit einer kurzen Präsentation bekannt machen konnten. Ihr Entwurf für den Interims-Spielbetrieb in Mülheim sieht hauptsächlich drei Ziele vor. Erstens möchten sie eine Anlaufstelle für alle Tanzinteressierten sein: mit Profi-Trainings, Film- und Diskussionsabenden. Zweitens wollen sie im Mai zum zweiten Mal ihren „Alles was tanzt Gipfel“ stattfinden lassen. Drittens soll es danach eine Aufführungsreihe geben, in der die verschiedensten Akteure der Kölner Tanzszene ihre fertigen Projekte oder Projektideen vorstellen können. Die beiden haben noch viele weitere Visionen, „aber nun muss man natürlich schauen: wie bekommt man das strukturiert? Wie bekommt das Ganze nach außen irgendwie einen Guss? Wie kann man sich positionieren? und wie bekommt man es logistisch gelöst?“ Fragen, die sich Anja Kolacek im Moment täglich stellt. Doch wie geht es nach der provisorischen Lösung ab dem Sommer weiter? Das weiß im Moment niemand so genau. Köln braucht seit so vielen Jahren dringend einen Ort für den Tanz. Das ist allen Beteiligten klar. und die Anmietung der Hallen in Mülheim ist zumindest ein gutes Zeichen. Aber dabei darf es nicht bleiben. Perspektivisch muss dem Tanz in Köln ein gleichberechtigter Platz neben der Oper und dem Schauspiel eingeräumt werden. und gerade die Umgestaltung am Offenbachplatz bietet jetzt die einmalige Gelegenheit, die Kunstsparte Tanz ganz neu zu etablieren. „Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass wir uns hier nicht nur für eine Architektur, sondern auch für ein Kunstkonzept entscheiden, das
für die nächsten 50 Jahre tragfähig sein soll und flexibel genug, ästhetischem und gesellschaftlichem Wandel integrativ und offen zu begegnen.“ So ein Zitat aus dem „Manifest für den Tanz“ unter der Federführung von Kajo Nelles, Vera Sander und Uwe Möller. Dort wird unter anderem gefordert, die städtische Theaterlandschaft auch einmal aus dem Blickwinkel des Tanzes zu reflektieren. Wäre es zudem nicht zeitgemäßer, die Einteilung in Kategorien wie: hier der selbständige Tanz und dort die etablierte Ballettcompagnie, aufzulösen? Trotz einer schwierigen Haushaltslage brauchen wir jetzt den Mut zu
einer zukunftsfähigen Lösung – auch und gerade für den Tanz in Köln.

STEPHANIE BECKER









Noch nie hat sich die Kölner Tanzszene so vielfältig dargestellt wie jetzt in den „Spichern Höfen“. 290 Laien und professionelle Tänzer zeigten die ganze Bandbreite der Szene. KÖLN - Kompetenz und Chaos ist eine Verbindung, die nicht zwangsläufig Gutes erahnen lässt. Am Donnerstag in den „Spichern Höfen“ hatte die Kombination jedoch so viel Charme, dass man gerne über organisatorische Schwächen hinwegsah und nur zu dem Schluss kommen konnte, den Professor Elmar Buck, Direktor des Instituts für Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft, und andere Gäste bei „Köln tanzt“ zogen: „Großartig!“ „Großartig“ lautete auch das Urteil von Bürgermeisterin Elfi Scho-Antwerpes sowie von Marc Günther, dem ehemaligen Kölner Schauspielintendanten. Letzterer war eigens aus Frankfurt angereist, um ein Bild von der Kölner Tanzszene zu bekommen, wie es in der Vielschichtigkeit wohl noch nie zu erleben war. Etwa 290 Personen im Alter zwischen vier und 80 Jahren - Laien ebenso wie Profis demonstrierten während einer halben Nacht so ziemlich alle Bewegungsvarianten und nonverbalen Ausdrucksformen, zu der ein Körper fähig sein kann: Quickstep, Streetdance, Flamenco, Bauchtanz, Modern Dance, Bewegungstheater, Hip Hop und Volkstanz. Selbst diejenigen, die Gardetanz außerhalb der fünften Jahreszeit gewöhnungsbedürftig finden, verfolgten begeistert, wie Nadine Schramm, ihres Zeichens „Kajütenmäuschen“ beim Tanzcorps „Die Original Matrosen vom Müllemer Böötche“ von ihren Kollegen um geschätzte viereinhalb Meter in Richtung Saaldecke geworfen wurde. Während Kommandant Max Wiest eingestand, „es ist für uns ungewohnt außerhalb der Session“, genossen die sechs im Wesentlichen Federschmuck tragenden Mitglieder der „Maria Christina Ferreira Company“ den begeisterten Applaus, den sie für ihre „Samba Brazil“- Darbietung erhielten. „Wir wollen das ganze Potenzial des Tanzes in unserer Stadt sichtbar und erlebbar machen“, so die Idee von Choreografin Anja Kolacek für das Projekt, das in Köln den Auftakt des „NRW-Tanzfestivals 09“ markierte. Kulturdezernent Georg Quander lobte das „experimentierfreudige Konzept“ und den „wunderbaren Ort“ für dieses Stadtkunstprojekt, das von „Raum13 Theater Fraktion Köln“ zusammen mit den „Spichern Höfen“ organisiert worden war. Zugleich äußerte Quander sich „zuversichtlich, dass wir noch in diesem Jahr mit dem Ausbau des geplanten Kölner Tanzhauses beginnen können.“ Nach seiner Vorstellung soll es in Mülheim in Palladium-Nähe angesiedelt werden.






„Selten war ein improvisierter Event so perfekt durchorganisiert. Enorm, welche tänzerische Vielfalt diese Stadt zu bieten hat! …. Erstmals bekam man auch einen Einblick in die Arbeit von professionellen Tänzern, die nach ihrer Ausbildung nicht in einer städtischen Company oder freiem Ensemble   untergekommen sind, sondern sich als Showtänzer und in Einzelengagements verdingen.“

 






Baumgartnerner genügen falsche Wimpern, um sich in die Knef zu versetzen. Aus dem Geschlechterwechsel ergibt sich eine äußerst produktive Spannung. Man ist keine Sekunde in der Versuchung, die künstlerische Spiegelung mit der Wirklichkeit zu verwechseln.

Eine Stunde lang erlebt man eine Aufführung als äußerst gelungene Geschichte einer Annäherung: vielstimmig, suchend, offen im Urteil. Keine Hommage, sondern ein komplexes Künstlerinnen-Porträt, das der Porträtierten Geheimnis und Würde lässt.

(Sandra Nuy, Kölner Rundschau Dienstag | 16. Dezember 2008)

 






Halb_Wert_Zeit ist eine Tanztheater-Produktion, auf deren Qualität Kölns freie Szene gewartet hat. Was Anja Kolaceks Produktion mit dem Ensemble „raum13 Theater Fraktion Köln" im Kunsthaus Rhenania von anderen ihrer Art unterscheidet, sind eine Geradlinigkeit, Entschlossenheit und ein Mut, die jedes Moment dieser Inszenierung sofort mit Intensität erfüllen.

Das beginnt bei der Bühne, die sich als eine große Kiste entpuppt; das Publikum sitzt gleich mit im Boot. Vorhang zu, und wir sitzen in einer Black Box. Die kleine Bühne müsste eigentlich ein Nachteil für Tanzambitionen bedeuten, hier aber produziert das Nähe, Unmittelbarkeit und Energie. Zumal Bühnengestalter Marc Leßle mit einer raffinierten Lichtregie den kleinen Raum in die Ferne öffnet.

Darin findet dann eine brutale Bestandsaufnahme dreier Künstlerleben - oder besser - überhaupt der Kunst statt. Wofür macht man sie, wo führt sie hin, und was bleibt einem am Ende? Nichts als Scheitern, lautet die aufrichtige Antwort. Aber das kann bei aller Bitterkeit eben auch Reichtum bedeuten. Das jedenfalls zeigen Heinrich Baumgartner, Harald Beutelstahl und Anja Kolacek in einer Tour de Force, die eigene Biografie und Kunst ideenreich verbindet. Es wird getanzt, geschrien, gefesselt, erzählt, geklagt, gelacht und geweint. Und all das überzeugt, weil der innere Kompass dieser Inszenierung stimmt. Er ist auf die Realität ausgerichtet, in gewissem Sinne auf die Wahrheit, denn die Drei tun nicht so als ob, suchen in allem, was sie machen, den Kern ihrer Aussage. Deshalb streift die Inszenierung beständig die Grenze zur Performance, was dem Publikum zugute kommt, weil es nicht einfach einer Vorstellung, sondern einem Life-Ereignis beiwohnt.

Woraus besteht das Schauspiel? Aus dem Versuch, in die Haut eines anderen zu schlüpfen; eine Antwort, die das Trio auf die Spur von Berührung, Liebe, Besessenheit bringt.

Davon zeigt sich dann auch das Publikum berührt: Begeisterter Applaus.

(Thomas Linden, Kölner Kultur / Kölnische Rundschau, 3. Juni 2008)






Ansichten eines Massenmörders Die Frage ist: Wie konnte es dazu kommen?

Das Kölner Ein-Mann-Stück beantwortet diese Frage nicht. Es gibt Hinweise, stellt neue Fragen - macht also das, was ein gutes Stück ausmacht. Es zeigt Eichmann, und wie er die Welt sah. Heinrich Baumgartner spielt den Nazi-Bürokraten in Anzug und Krawatte mit großer Verve - als einen Akten werfenden Karrieristen [...] Ein verstörendes Stück mit einem großartigen Darsteller.

 








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