Jan Glisman

Jan Glisman: "Aufschlag"
"Jan Glisman ist Empiriker. Er nähert sich unterschiedlichen Medien in der Kunst, indem er das jeweilige Material seiner künstlerischen Projekte in seiner Wesensart auf vielfältigste Weise erkundet, erprobt und dessen physische Möglichkeiten durchkonjugiert.
Seine Kunst ist dabei immer ein Resultat aus einer Versuchsanordnung, bei welcher kausale Umstände den ausschlaggebenden Einfluss auf die Form der Arbeiten ausüben. Zufall und Natur als gestaltende Kräfte und das Potential des eingesetzten Materials modellieren das Werk, während der Künstler sich in seiner Formsprache möglichst weitgehend zurücknimmt.
Eine serielle Arbeit, die Glisman schon 2005 erstmals ausführte, stellt das Werfen schwerer Tonrohre aus bis zu 25 m Höhe auf den Boden dar. Die eigens dafür konzipierte Keramik wird aus Industrie-Steinzeug gemischt, welches ursprünglich aus der Abwasserröhrenproduktion kommt und in einem durch die Jahre optimierten Verfahren mit Kokosfasern, Flachsfasern, Zellulose und Schamottesteinen vermengt wird. Mit diesem Ausgangsmaterial werden konisch geformte Zylinder, bis zu mehrere hundert Kilo schwer, geformt und mit Kränen oder ähnlich massiven Zugsystemen längsseitig in die Luft gezogen und dann durch einen Fallmechanismus, den der Künstler mit industriellen Elektromagneten entwickelte, zu genau kalkulierten Zeiten fallen gelassen.
Glisman hält sich akribisch an die Regeln des entwickelten Versuchsablaufs, berechnet die Gesetze von Statik und Magnetismus und anderen physikalischen Gesetzen, die ideale Zusammensetzung für das Ausgangsmaterial, um es anschließend im wahrsten Sinne loszulassen und es dem Zufall zu übergeben. Versiegelt, ausgegossen oder im Ofen gebrannt wird der Ton in seiner neuen Form konserviert und somit der Moment des Eindringens von Naturgewalten auf die kalkulierten Pläne des Menschen festgehalten. Die Skulptur erinnert in dieser Form an eine Trophäe, ein wildes Tier, das durch den Kampf des Menschen mit der Natur gefangen und für die Öffentlichkeit zur Ansicht präpariert wurde.
Auch seine filmischen Arbeiten oszillieren zwischen Kalkulation und einem performativen, offenen Ausgang freier Bewegungen. Der Film Kaiserschnitt entstand durch eine umfassende vom Künstler initiierte Vorarbeit, die digitale und analoge Bildmanipulation miteinander verwebt. Zu sehen sind im 16:9 Format nackte Körper, die vor einem semitransparenten, dehnbaren Stoff in fließenden Bewegungen ihre Muskeln, Sehnen und Knochen abwechselnd an die Oberfläche drücken. Projektion und Realraum, Aufnahme und Aufgenommenes vermengen sich miteinander. Der Künstler erstellte eine erste Aufnahme der Körperbewegungen und projizierte das gefilmte Material zurück auf das gespannte Tuch, um dann das Spiel von Anspannung und Entspannung in Begleitung virtueller Bewegungen fortzusetzen."
(Quelle: Pressetext Galerie Mülhaupt, Text: Maria Wildeis)